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Oranienburgerin drehte Dokumentation über einen bis heute verschwiegenen Protest gegen Hitlers Machtergreifung

Gegen alle Widerstände

Oranienburgerin in Stuttgart: Katharina Thoms arbeitet für den Südwestrundfunk und drehte mit eigenen Mitteln einen Dokumentarfilm über eine fast vergessene Widerstandsbewegung gegen den Nationalsozialismus.
Oranienburgerin in Stuttgart: Katharina Thoms arbeitet für den Südwestrundfunk und drehte mit eigenen Mitteln einen Dokumentarfilm über eine fast vergessene Widerstandsbewegung gegen den Nationalsozialismus. © Foto: MZV
Klaus D. Grote / 06.08.2015, 07:00 Uhr - Aktualisiert 06.08.2015, 07:21
Oranienburg (MZV) Katharina Thoms sagt "gell". Sie klingt wie eine Schwäbin, dabei wurde die 35-Jährige in Oranienburg geboren und besuchte das Runge-Gymnasium. Nach dem Abitur aber zog es sie nach Süddeutschland, seit einigen Jahren wohnt sie in Stuttgart. "Ick kann och noch richtig berlinern", sagt Thoms. Wer aber das Ländle liebt, spricht eben auch die Sprache der Schwaben. Schließlich ist Thoms Freund Karl Stefan Roeser ebenfalls Schwabe.

Sie wollte nach dem Abitur einfach weiter weg, "nicht ums Eck". Berlin war also viel zu nah. Süddeutschland interessierte Katharina Thoms besonders. In München absolvierte sie ein freiwilliges ökologisches Jahr bei "Pro Regenwald". "Da hab ich mich in den Süden verliebt", sagt sie. Zum Studium ging sie nach Tübingen. Von der Universitätsstadt hatte schon eine Referendarin am Rungegymnasium geschwärmt. Thoms studierte Geschichte und Politikwissenschaften und heuerte beim Uni-Radio an. Bald darauf wurde sie freie Mitarbeiterin des Südwestrundfunks. An ihren ersten Beitrag über Lebensmittelfarben erinnert sie sich ungern, wohl aber an die aufregende Zeit der Uni-Funker. "Man konnte sich ausprobieren, durfte moderieren, Beiträge machen und Musik auswählen." In der Studentin entfachte die Leidenschaft für den Journalismus. Ihr half, dass sie am Rungegymansium in der Kabarett-AG und bei der Schülerzeitung mitgemischt hatte.

Bis heute arbeitet Katharina Thoms für den SWR im Regionalstudio Tübingen, macht Beiträge fürs Radio, das Fernsehen und Online-Geschichten. Die Abwechslung gefällt ihr. Für einen Radiobeitrag stieß sie schließlich auf ein Thema, das sie berührte. "Da wollte ich mehr draus machen", sagt Thoms. Aus eigenen Mitteln finanzierte sie einen Dokumentarfilm, der die für viele völlig neue Geschichte aus einem schwäbischen Dorf erzählt.

Mössingen heißt der Ort in der Schwäbischen Alb, in dem die Menschen 1933 nach der Machtergreifung Hitlers auf die Straße gingen. 80 Jahre brauchten die Dorfbewohner, um sich mit ihrer Geschichte auseinanderzusetzen. Das geschah zunächst nicht ganz freiwillig. Ein Theaterprojekt brachte das Thema auf die Bühne. Katharina Thoms berichtete zunächst für das Radio über das Projekt.

Die KPD hatte einen Tag nach Hitlers Machterergreifung zum Generalstreik aufgerufen, dem niemand folgte - nur in Mössingen protestierten 800 Menschen gegen die Nationalsozialisten. Der "Mössinger Generalstreik" wurde jahrzehntelang in der Stadt verschwiegen. Schließlich waren Kommunisten auf die Straße gegangen. Deren Ziele waren nach Ansicht vieler Deutscher kaum besser als die der Nationalsozialisten.

Bis heute stieß die Umsetzung der Geschichte auf Widerstand. Der Regisseur Philipp Becker will mit dem Stück nicht weniger als die Welt verändern. Katharina Thoms möchte wenigstens den Blick ihrer Zuschauer verändern. "Die Leute sollen aus dem Schwarz-Weiß-Denken rauskommen", sagt sie. Das Thema werde sie daher weiter beschäftigen.

Kürzlich hatte der Film "Widerstand ist Pflicht" Berlin-Premiere. Thoms haben für ihre Arbeit auch Seminare bei den Regisseuren Fred Breinersdörfer und Rosa von Praunheim geholfen. Viel Unterstützung erhielt sie von ihrem Partner, dem Filmemacher Karl Stefan Roeser.

Wenn die 100 Laiendarsteller im Dokumentarfilm ihre Texte auf schwäbisch sprechen, laufen dazu deutsche Untertitel. Andrea Ayen, Tochter von Paul Ayen, dem Organisator des Generalstreiks von 1933, spielt im Theaterstück und in Thoms Film eine wichtige Rolle. Sie hilft mit, dass der Widerstand mutiger Menschen aus dem schamvollen Vergessen geholt wird. Man spürt, dass eine jüngere Generation nicht mehr länger schweigen, sondern stolz sein will auf die Eltern und Großeltern und deren Mut.

Engagiert zu sein, ist für die Journalistin Thoms der berufliche Antrieb. Zusammen mit ihrer SWR-Kollegin berichtet sie seit Oktober in einer Langzeitreportage aus dem Örtchen Meßstetten auf der Zollernalb. Dort wurde in einer ehemaligen Bundeswehrkaserne eine Flüchtlings-Erstaufnahmestelle eingerichtet. Statt 1000, wie zunächst geplant, leben nun 2000 Flüchtlinge in einem Ort mit 5000 Einwohnern. "Jeder Sechste ein Flüchtling", heißt die Multimediareportage. "Wir zeigen, was die Veränderung mit dem Ort macht", sagt Thoms. Anfangs sei die Stimmung innerhalb der Bevölkerung noch gut gewesen. "Doch es wird zunehmend angespannter."

Thoms zieht den Vergleich zu Lehnitz. Dort sei es ja eher umgekehrt gewesen. Angst und Unsicherheit seien einer überwiegend positiven und gelassenen Haltung gegenüber den Flüchtlingen gewichen, die seit vergangenem November in der ehemaligen Märkischen Kaserne leben. Ängste haben sich verflüchtigt. Die Menschen müssten lernen, Vorurteile abzubauen, findet die Journalistin. Manche fragten sich, "warum sitzen die rum und arbeiten nicht?". Sie wüssten ganz einfach nicht, dass Asylbewerber keine Arbeitserlaubnis erhalten. In einem kleinen Ort sei es besonders schwierig, "wenn viele Fremde auftauchen, wo vorher niemand war". Auf der anderen Seite würden 100 Ehrenamtliche den Flüchtlingen helfen.

Thoms hat während ihrer Arbeit viel über die Asylpolitik in diesem Land gelernt. Einen halben Tag lang besuchte sie die Ausländerbehörde, hörte unzählige Fluchtgeschichten von Menschen, die übers Meer oder unter Lkw-Planen nach Europa kamen und sah, wie Asylanträge im Akkord bearbeitet wurden. "Jeder hat eine krasse Story", sagt Thoms. Und das Smartphone, das Flüchtlingen häufig geneidet werde, sei für die meisten Geflüchteten die "elementare Verbindung" zur Familie.

Bis Ende 2016 will Thoms mit ihrer Kollegin aus Meßstetten berichten. In diesem Jahr wurden sie für die Multimediareportage "Jeder Sechste ein Flüchtling" für den Online-Award des renommierten Grimme-Preises nominiert. Für Katharina Thoms ist das eine gute Motivation weiterzumachen.

Leserforum

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Sandra Müller 07.08.2015 - 12:46:29

Webdoku?

Sie meinen die Webdoku? Haben Sie alle (bisherigen) 4 Teile gesehen? Was ist daran einseitig?

unglaubwürdig 07.08.2015 - 12:25:04

Super einseitig

Alles Toll alle sind zufrieden. Piep, piep wir haben uns alle lieb !

Sandra Müller 07.08.2015 - 10:31:27

Webdoku "Jeder Sechste ein Flüchtling"

Wer die Webdoku über die Kleinstadt mit 1.000 und mehr Flüchtlingen in der Nachbarschaft sehen will, hier lang: http://multimedia.swr.de/asyl-suchende-fluechtlinge-in-kaserne-messstetten

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