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Burkhard Keeve 02.12.2015 06:23 Uhr
Red. Oranienburg, lokales@oranienburger-generalanzeiger.de

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Flucht, Haft, Albträume

Oranienburg (MZV) Fluchtversuch, Gefängnis, Zwangsarbeit, Freikauf 16 Tage vor dem Fall der Mauer: Schüler des Georg-Mendheim-Oberstufenzentrums Oranienburg (OSZ) erhalten am Dienstagvormittag von Thomas Drescher einen eindringlichen Einblick in dessen DDR-Vergangenheit.

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Schwarz auf weiß: Thomas Drescher hält in Oranienburg einen Beurteilungsbogen in der Hand, den die Stasi über ihn verfasst hat. Der ehemalige Republikflüchtling Drescher lebt heute in Schildow und arbeitet in der Gedenkstätte "Lindenstraße 54".

© Burkhard Keeve/MZV

Der 48-jährige gebürtige Hennigsdorfer kann erst seit gut drei Jahren über seine eigene Geschichte reden. Doch seit einem Schlüsselerlebnis mit weichen Knien und Tränen in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, in der ihn seine Flucht-Erlebnisse einholten, ist Reden zu einer Art Therapie für ihn geworden. Reden als Befreiungsakt für seine Seele, die unter der Stasi und dem DDR-Regime gelitten hat.

Das ist auch vor den Schülern einer zwölften Klasse am OSZ noch zu spüren. Seine Antworten kommen nicht routiniert, sondern authentisch rüber. Drescher überlegt lieber ein bisschen, zeigt dadurch Gefühl. Manchmal schluckt er, freut sich aber über jede Frage, auch über die nach seiner Familie, was ihm deutlich nahegeht.

Es war sein Halbbruder, der den letzten Ausschlag für Drescher gab, 1989 die lebensgefährliche Flucht über die Mauer bei Glienicke zu wagen. Dieser ältere Bruder sagte ihm ins Gesicht: "Wenn ich als Soldat an der Grenze stehe und du fliehst, dann schieße ich auf dich!" Schon mit 18 Jahren war der Halbbruder in die SED eingetreten und hundertprozentig überzeugt vom DDR-System, wie Drescher ihn beschreibt. Auch sein Vater war als Reise-Kader, der in den Westen fahren durfte, tief ins DDR-System verstrickt. Die Eltern trennten sich, als er sieben Jahre alt war.

Total schockiert darüber, was der Staat aus einem Menschen machen kann, plant der 21-Jährige konkret seine Flucht. Zunächst allein - "dann kann mich keiner verraten". Doch sein Freund Dirk, den er seit der ersten Klasse kennt, bekommt Wind davon. Auch er will weg. Beide glauben nicht daran, dass sich die DDR in nächster Zeit groß verändern wird. Niemand ahnt Anfang 1989, was im November geschehen wird.

Da sie Glienicke gut kennen, wollen sie dort versuchen, die Grenzanlagen zu überwinden. Sie schweißen sich Leitern zum Einklappen zusammen, um damit die Mauer zu überwinden.Sie besorgen sich schwarze Mäntel. Eine Woche vor dem Fluchtversuch treffen sie sich nicht mehr, um nicht aufzufallen. Am 24. Januar sind beide um 23 Uhr am vereinbarten Treffpunkt. Ohne ein Wort zu sagen, fahren sie in Glienicke auf ihren Rädern, die Leitern haben sie geschultert, die alte Schildower Straße entlang. Dann verstecken sie die Räder in einem Waldstück. Wer als erster über die Mauer steigt, hatten sie vorher beim "Schnick-Schnack-Schnuck" ermittelt. Als Thomas Drescher auf der Leiter über die Mauer blickte, sah er wenige Meter entfernt Soldaten stehen. Keine Chance. Sie warten ab. Doch die Soldaten verschwinden nicht. Aufgeben wollen sie nicht. Sie holen ihre Räder und fahren zur Glienicker Spitze. Da kriechen sie am Posten vorbei. Wieder steht Thomas Drescher auf der Leiter an der Mauer. Gerade als er die zweite Leiter greifen will, flammt grelles Licht auf. "So hell, dass ich fast von der Leiter gefallen wäre", so Drescher. Ein Soldat mit einer Kalaschnikow im Anschlag fragt ihn auf tiefstem Sächsisch: "Was macht ihr für 'ne Scheiße?" Drescher antwortet: "Wir machen keine Scheiße, wir wollen weg!" Alle Beteiligten haben Angst: der NVA-Soldat und die Erwischten.

Was dann folgt, brennt sich tief ein. Haft, Stasi-Verhöre. "Lampe im Gesicht? Anschreien? Machen sie wirklich", sagt Thomas Drescher der OSZ-Klasse. "Sie haben aber nicht gefragt, warum wir fliehen wollten, nur wer sonst noch davon wusste, wer geplant hat." Er wird zu 15 Monaten Gefängnis verurteilt. Nach drei Monaten Untersuchungshaft im Oranienburger Gefängnis wird der 21-Jährige in den Strafvollzug nach Zeithain verlegt, wo er im Stahlwerk Riesa Zwangsarbeit leisten muss. Er wird zur Nummer und nur noch mit seinem Geburtsdatum angesprochen.

16 Tage vor dem Mauerfall wird Drescher vom Westen für umgerechnet 20 000 Euro freigekauft. Bevor er ins Aufnahmelager Gießen kommt, landet er in Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) und kommt auf die "Peppelstation", wo er besseres Essen erhält und eine Stunde länger schlafen kann. Die DDR wollte keine ausgemergelten Gefangenen verkaufen. "Ich fand das so widerwärtig, ich konnte mich gar nicht beruhigen", sagt Thomas Drescher. Es sind diese und ähnliche Erlebnisse, die bei vielen bis heute noch nachwirken, die damals als politische Gefangene in den Knast wanderten.

Auch Thomas Drescher leidet danach unter Alpträumen und Verfolgungsängsten. Er verdrängt zunächst viel, zieht sich zurück, überlässt die Aufarbeitung anderen - bis in Hohenschönhausen alles aufplatzt. Heute wohnt Drescher in Schildow auf dem Grundstück, wo er die Leitern zusammenschweißte. Sein Vater und sein Bruder haben sich bislang nicht entschuldigt. Drescher geht seinen Weg.

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