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Wenn Zuneigung repariert

Aus zwei wurden vier: Die beiden Pflegekinder gehören fest zur Familie. Alle spielen und lernen voneinander, auch, dass ihre Gemeinschaft sie stark macht fürs Leben.
Aus zwei wurden vier: Die beiden Pflegekinder gehören fest zur Familie. Alle spielen und lernen voneinander, auch, dass ihre Gemeinschaft sie stark macht fürs Leben. © Foto: moz
Mandy Timm / 29.02.2016, 06:59 Uhr
Oderaue (MOZ) Sie brauchen Schutz, viel Zuneigung und Wärme: Kinder, die aufgrund psychischer Erkrankungen ihrer Eltern, Gewalt oder Drogenproblemen nicht bei ihren leiblichen Eltern leben können. In Oderaue lebt eine Familie, die zwei Kinder aufgenommen hat. Der Landkreis sucht zurzeit nach weiteren Pflegeeltern.

Lachen gehört hier genauso zum Alltag wie die Mahlzeiten am langen Küchentisch. Als Armin D.* den neulich zum Mittag eindecken wollte und seine Frau Babette* "für zehn Leute" sagte, meinte er: "So wenig heute?" Meistens sitzen noch Freunde, Familie, Bekannte in dem Haus in Oderaue zusammen. Zwei leibliche Kinder gehören dazu, beide besuchen die Schule - und zwei Kinder, für die es nicht immer glückliche Stunden in ihrem jungen Leben gab. Zum Schutz mussten sie ihren leiblichen Eltern entzogen werden.

Babette D. ist Erzieherin von Beruf, angestellt in einem Heim in Märkisch-Oderland. Die Mädchen, die die Familie 2011 bei sich aufnahm, konnten nicht länger bei ihren Eltern bleiben. Vater und Mutter leiden an psychischen Erkrankungen, müssen dauerhaft Medikamente einnehmen, um überhaupt einen geregelten Alltag hinzubekommen. Stalking gehört auch zum Krankheitsbild. Deshalb muss anonym bleiben, wer die Familie ist, wo sie lebt. Was genau den Mädchen widerfahren ist, weiß niemand. "Es gibt nur Mutmaßungen", erzählt Babette D.. Schläge, Qualen gehören dazu. Eins der Mädchen war noch ein Baby, als die Pflegeeltern es von der sogenannten Bereitschaftspflege zu sich holten. "Dort werden zuerst alle Kinder unter fünf Jahren aufgefangen", erklärte Babette D., "die unter keinen Umständen bei ihren Eltern bleiben können." Ab dem fünften Lebensjahr nehmen Heime die Kinder auf. Familien oder Alleinerziehende, die Kinder für kurze Zeit oder dauerhaft aufnehmen, sind rar. Kinder müssen häufig lange warten, bis für sie ein neues Zuhause gefunden wird. Deshalb organisiert der Landkreis Märkisch-Oderland Infoabende, um Eltern vom nächsten Schritt zu überzeugen. Am 15. März gibt es im Strausberger Oberstufenzentrum wieder so einen Termin.

Für Babette D. steht fest, dass sich viel mehr Paare bereit erklären würden, einem Kind ein neues Zuhause zu geben, wenn der Gesetzgeber die Regeln aufweichen würde. Dazu muss man wissen, dass Ds. keine typische Pflegefamilie sind, wie sie vom Jugendamt zurzeit gesucht werden. Babette Ds. Stelle nennt sich Erziehungsstelle. Der Unterschied zu einer Pflegefamilie besteht darin, dass sie als Außenstelle des Heims fungiert, in dem sie angestellt ist. Eine der zahlreichen Voraussetzungen die erfüllt werden muss, ist, dass eine staatliche Anerkennung des Berufes vorliegt. "Also selbst wenn potenzielle Eltern beispielsweise als Ergotherapeuten, Logopäden oder Heilerzieher arbeiten, können sie keine Erziehungsstelle sein." Babette D. bedauert das sehr. In ihrem Freundeskreis gibt es Leute, die bereits verzweifelt - auch wegen des enormen bürokratischen Aufwands - das Handtuch geworfen haben.

Den beiden Mädchen, inzwischen vier und sechs Jahre alt, geht es sehr gut in ihrer Oder-auer Familie. Die Anfangszeiten, in denen eines der Mädchen panisch auf laute Geräusche und das andere lethargisch selbst aufs Abkitzeln reagierte, sind vorbei. "Wir hatten sehr viel Glück mit unseren Kindern", steht für Babette D. fest. "Bereut haben wir den Schritt nie."

Den Kontakt zur leiblichen Mutter hält sie seit jeher aufrecht, der zum Vater ist noch immer schwierig. Einmal im Monat treffen sich die Frauen mit den Kindern, meist in Wriezen. Den Mädchen verschwiegen haben Ds. die ungewöhnliche Konstellation mit den zwei Müttern und Vätern nicht. Es gibt ein Fotoalbum für die Mädchen mit Bildern der leiblichen Eltern und Großeltern. "Irgendwann werden sie wohl auch für ein paar Stunden oder übers Wochenende bei ihrer Mutter bleiben können", schätzt Babette D..

*Name von der Redaktion geändert

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