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Hans Still 21.04.2017 06:58 Uhr
Red. Bernau, bernau-red@moz.de

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Anspruchsvoll und obendrein schön

Schönwalde (MOZ) Arbeitspolitische Tour nennt sich eine Rundreise von Almuth Hartwig-Tiedt (Linke), die den Weg der Staatssekretärin im Arbeitsministerium am Mittwoch in den Barnim lenkte. Mit der Schönwalder Firma Copacking Design wurde ein Unternehmen besucht, bei dem vor allem Handarbeit gefragt ist.

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Firmenbesichtigung: Copacking-Mitarbeiter Ali Efthkar, Firmenchef Rick Bluett, Staatssekretärin Almuth Hartwig-Tiedt, Vertriebschef Wolfgang Drews, Carsten Bockhardt, Petra Röhlinger-Hissnauer und Kerstin Höppner (v.l.) reden über Verpackungen.

© MOZ/Hans Still

Der stämmige Firmenchef von Copacking Design verzichtet auf sämtliche Attribute der männlichen Businesswelt. Weder trägt er Krawatte noch einen Anzug, seine sockenfreien Füße stecken in saloppen Sandalen. Firmeninhaber Rick Bluett (54 Jahre) erinnert damit eher an einen zupackenden Biker als an einen zielstrebigen Geschäftsmann, der mittlerweile ein 30-Mann-Unternehmen führt. Dabei vermag sich der Brite, der seit 1990 in Deutschland lebt und 2010 mit damals zehn Mitarbeitern die Firma aufbaute, durchaus in der Geschäftswelt zu behaupten. "Wir entwickeln unsere Technologien selbst, das geht nur mit kreativen Köpfen", berichtet der Manager seinen Gästen.

Konkret befasst sich die Firma mit hochwertigen Verpackungen, vorrangig werden diese in Handarbeit hergestellt. Kleinserien von 100 Schachteln, Tüten oder andere Behältnissen sind möglich, aber auch Volumina bis zu 500 000 Stück. Anspruchsvolle und zugleich aufwendige Verpackungen entstehen an den Werkbänken der Mitarbeiter, die vor allem eines brauchen: geschickte Hände. Beispielsweise, um die Kartons für den Spielroboter Tinkerbots zu falten. Dahinter steckt eine Bernauer Firma, die mit einem innovativen Konzept nach dem Lego-Systemen den Roboter ins Kinderzimmer bringt.

Wie Bluett zum Besuch der Arbeitsmarktexperten aus der Region und der Brandenburger Landeshauptstadt Potsdam kam, wusste der Firmenchef anfangs selbst nicht so ganz genau. Eine Idee hatte er aber schon: "Wir haben hier sehr viel Handarbeit und brauchen dafür Mitarbeiter, die letztlich eine schwere, weil sehr präzise Arbeit verrichten müssen. Weil wir keine deutschen Mitarbeiter gewinnen konnten, haben wir durch die Vermittlung der Arbeitsagentur und des Jobcenters Asylbewerber aus Wandlitz eingestellt. Das könnte ein Grund sein."

Zu den sieben Asylbewerbern gehört beispielsweise der Pakistaner Muhammad Imran Akbar, der am Mittwoch an einer Stanze arbeitet. "Ich habe Arbeitserlaubnis", sagt der Mann und weist eine Aufenthaltsgestattung vor. Wie alle anderen Mitarbeiter weiß er eine Festanstellung in der Tasche, täglich arbeitet er sechs Stunden zum festgelegten Mindestlohn. "Chef ist sehr gut", sagt Akbar, hebt irgendwie typisch den Daumen und wendet sich wieder den Pappen zu.

"Dass Asylbewerber tatsächlich in Firmen arbeiten, gehört im Barnim nach wie vor zu den Ausnahmen", bestätigt unterdessen Gaby Wehrens, Leiterin des Barnimer Jobcenters. Gelungen sei dies durch den Lotsendienst im Jobcenter Eberswalde. Dort agiert die Behörde gemeinsam mit der Arbeitsagentur und versteht sich beispielsweise als Ansprechstelle für Arbeitgeber. "Interessierte Arbeitgeber können sich gern an uns wenden, mit der Arbeitsagentur prüfen wir die Voraussetzungen und vermitteln dann", bestätigt sie.

Wie bislang in der Vergangenheit auch, erweisen sich allerdings die mangelnden Deutschkenntnisse weiterhin als größtes Hemmnis in Richtung Job und Arbeitsplatz. Laut Gaby Wehrens konnten in den ersten drei Monaten des Jahres 17 Asylbewerber in Jobs vermittelt werden. Die Zahl der Jobcenter-Kunden mit Flüchtlingsstatus liegt allerdings bei 700. Auf die Frage nach den viel zitierten Fachkräften bleibt Gaby Wehrens die Antwort nicht schuldig. "Im Sinne von Fachkräften mit Ausbildung und Studium hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass es so viele nicht sind. Und wer wirklich einen klar erkennbaren Abschluss mitbringt, orientiert sich häufig auf den Süden Deutschlands oder auf die großen Städte." Aktuell befindet sich daher ein Großteil der Kunden in Kursen, um erste Deutschkenntnisse zu erwerben.

Staatssekretärin Hartwig-Tiedt, Vizelandrat Carsten Bockhardt (CDU) und die Barnimer AgenturchefinPetra Röhlinger-Hissnauer nehmen jedoch mit großem Interesse auf, wie es trotz dieser Umstände gelingt, Integration zumindest anzuschieben. "Wir haben eine sehr gute Zusammenarbeit mit Frau Dr. Barbarino vom Arbeitgeberservice", erklärt Firmenchef Bluett seine Erfahrungen. Als er die Namen der interessierten Asylbewerber hatte, wurden diese zum Vorarbeiten eingeladen. Wer sich als geschickt erwies und genommen wurde, bekam schließlich einen festen Vertrag. "Hier in der Region am Berliner Rand gibt es praktisch keine Arbeitslosigkeit", konstatiert Bluett angesichts der vergeblichen Bemühungen, deutsche Arbeitnehmer zu finden. Dabei soll die Firma weiter wachsen. Auf dem eher versteckt liegenden Areal hinter einem Auto-Verwerter bietet das Obergeschoss der ehemaligen Halle noch freie Räume, in denen ebenfalls produziert werden könnte.

Rund zwei Millionen Euro investierte Rick Bluett bislang in die Technik, die Umbauten, die Materialien. Der Jahresumsatz beträgt 750 000 Euro. "Wir wachsen bodenständig und weiten unsere Nische aus", sagt Bluett voraus.

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