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Politisch relevant wie nie

Tierischer Gastauftritt: Da es in Kleists Vorlage "Michael Kohlhaas" um einen "Rosshändler" geht, darf ein Pferd nicht fehlen. Die übrige Truppe wächst noch auf knapp 20 Protagonisten an.
Tierischer Gastauftritt: Da es in Kleists Vorlage "Michael Kohlhaas" um einen "Rosshändler" geht, darf ein Pferd nicht fehlen. Die übrige Truppe wächst noch auf knapp 20 Protagonisten an. © Foto: Ulrich Wessollek
Simon Rayß / 06.09.2017, 20:59 Uhr
Eberswalde (MOZ) Fünf Tage nach der Bundestagswahl hat das neue Stück des Kanaltheaters Premiere: "Anatomie eines Aufstands". Zwei Ereignisse, die durchaus etwas miteinander zu tun haben. Schließlich stellt das Eberswalder Ensemble am 29. September die Frage: Wie funktioniert Demokratie?

Das Kanaltheater will diesmal ergründen, wie es aussieht, das Verhältnis des Einzelnen zum Staat. "Das ist ein Herzensthema von uns", sagt Regisseurin Heike Scharpff. Besonders in einem Jahr, das die Bundestagswahl erlebt, das 500. Jubiläum der Reformation und einen G-20-Gipfel, der völlig aus dem Ruder gelaufen ist.

Deswegen schließen sich an die Kernfrage nach dem Wesen der Demokratie auch etliche weitere an, wie Dramaturgin Katja Kettner ausführt: "Was ist berechtigte Staatsgewalt? Wer vertritt mich mit all meinen Sorgen? Müsste ich selbst mehr tun?" "Anatomie eines Aufstands", die fünfte Großproduktion der Truppe, verspricht besonders aktuell auszufallen. "Ich fand's noch nie so politisch relevant wie dieses Mal", sagt Kettner.

Dabei liegen dem Stück Motive des Dichters Heinrich von Kleist zugrunde, genauer gesagt aus seiner Novelle "Michael Kohlhaas" von 1810. "Wir suchen immer ein Thema, das Bezug zur Region hat", erklärt die Dramaturgin. So geht es bei Kleist um einen "Rosshändler" aus dem Havelland, der Opfer eines Betrugs wird. Als das Gericht seine Klage ablehnt, startet er auf eigene Faust einen Rachefeldzug.

Doch beim Kanaltheater ist Kohlhaas nicht die Hauptfigur. "Wir haben ein paar Szenen in der Kleist-Sprache, daneben stellen wir reale Geschichten von unseren Interview-Partnern", sagt Heike Scharpff. Sie liefern das Fundament, auf dem das Ensemble seine Montage aus literarischer Vorlage, theoretischem Material, journalistischen Texten und Wortmeldungen von acht Gesprächspartnern errichtet. Eine Vorgehensweise, die sich unter anderem beim Kanaltheater-Stück "Die heilige Gaby des SVKE" bewährt hat.

Fünf Monate, von Januar bis Mai 2017, hat sich das Ensemble Zeit gelassen, um die Interviews zu führen. "Jede Geschichte wäre ein eigenes Stück wert", konstatiert Katja Kettner. Unter den Gesprächspartnern sind Menschen, denen ein Unrecht widerfahren ist, aber auch solche, die in der Gesellschaft ein Unrecht wahrgenommen haben und nun aktiv werden.

Doch die Beschäftigung mit dem Thema reicht noch weiter zurück. "Das hat uns schon über den ganzen Winter begleitet", sagt Scharpff. Nun laufen seit drei Wochen die Proben. Weitere drei Wochen bleiben, bis sich der Vorhang das erste Mal hebt. Ein Grund zur Nervosität? Nein, erklärt die Regisseurin. "Wir haben Monate darauf gewartet, endlich proben zu können."

Als Schauplatz dient diesmal nicht der Alternativtreff "Exil", die eigentliche Heimstätte des Ensembles, sondern die Halle 33 auf dem ehemaligen Kranbau-Gelände. "Wir hatten alle Lust, mal etwas drinnen zu machen", sagt Heike Scharpff. Dort gebe es ganz andere Möglichkeiten in Sachen Licht und Bühnenbau, gleichzeitig arbeite die Gruppe konzentrierter. "Die Konzentration tut dem Thema gut."

Doch so ernst das Thema erst einmal klingt: "Wir wollen keine Bildungsveranstaltung sein", stellt Katja Kettner klar. Ihre Kollegin Scharpff fügt hinzu: "Ich bin der Überzeugung: Man verarbeitet ernste Themen besser, wenn man zwischendurch einmal lachen kann." So findet in der "Anatomie eines Aufstands" wieder alles gleichzeitig Platz: Spaß, Ernst, Trash und jede Menge Musik. "Wir haben sogar mehr Songs als im vorigen Jahr", sagt Katja Kettner.

Spaß haben die Protagonisten schon jetzt, während der Vorbereitungen: "Alle sind super motiviert, haben Bock und Ideen", so Heike Scharpff. So viel Enthusiasmus, wenn's um Politik geht! Den würden sich die Parteien sicher auch für die Bundestagswahl wünschen.

Vorstellungen: 29. September, 20 Uhr; 1. Oktober, 17 Uhr; 5., 6., 20., 21. Oktober, 20 Uhr

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