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Sven Klamann 27.07.2010 06:52 Uhr
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Jeder dritte Walzwerker fliegt

Eberswalde (moz) Im Walzwerk Finow haben 61 der noch 203 Mitarbeiter ihre Kündigung erhalten. Ab 1. August werden die aus allen Bereichen des Werkes stammenden Betroffenen für sechs Monate in einer extra dafür gegründeten Transfergesellschaft weiterbeschäftigt, in der sie Qualifizierungen durchlaufen und im besten Fall an andere Arbeitgeber vermittelt werden sollen.

Für Patrick von Hertzberg, den geschäftsführenden Gesellschafter des Walzwerkes, ist der mit dem Insolvenzverwalter abgestimmte Personalabbau die einzige Chance, das endgültige Aus für den Traditionsbetrieb doch noch abzuwenden.

Die wirtschaftliche Schieflage im Walzwerk halte seit zwei Jahren an, sagt Patrick von Hertzberg. So lange schon herrscht Flaute in den Auftragsbüchern. Von den etwa 6000 Tonnen Stahl, die in guten Zeiten pro Monat zu Rohren verarbeitet wurden, sind seither nur selten mehr als 3000 Tonnen pro Monat übrig geblieben. „Der Umsatz, der sich 2008 noch auf etwa 70 Millionen Euro belief, ist 2009 auf gerade einmal 27 Millionen Euro gesunken“, führt der geschäftsführende Gesellschafter des Walzwerkes aus. Für dieses Jahr hoffe er zwar bereits wieder auf einen Umsatz von 36 Millionen Euro. Doch der sich möglicherweise abzeichnende Aufwärtstrend sei alles andere als ein Selbstläufer. Deshalb komme das Walzwerk um den jetzt beschlossenen Personalabbau nicht herum, ohne den die Existenz des Betriebes auf dem Spiel stünde.

Seit September vorigen Jahres befindet sich das Unternehmen in einem planmäßigen Insolvenzverfahren, das eigentlich längst abgeschlossen sein sollte. Der Geschäftsführer war diesen Schritt damals gegangen, um die mehr als 400 Gläubiger von der Überlebenschance des Werkes zu überzeugen. Forderungen in Höhe von etwa 30 Millionen Euro waren aufgelaufen. „Ohne Insolvenz hätten wir den Betrieb längst schließen müssen“, sagt Patrick von Hertzberg. Das Verfahren habe bloß eingeleitet werden können, weil die Gläubiger und das Amtsgericht dem Walzwerk eine „nachhaltige Zukunftsfähigkeit“ bescheinigt hätten.

Jetzt geht der oberste Manager des Unternehmens davon aus, dass die Insolvenz Mitte August/Anfang September ordnungsgemäß beendet ist. Voraussetzung dafür sei, dass die Abschlussprüfung durch den Insolvenzverwalter und das Amtsgericht für das Werk positiv ausfalle. Das aber setze voraus, dass der Insolvenzplan eingehalten werde. „Dies war in den vergangenen Monaten nicht der Fall“, sagt der Geschäftsführer. Die Gründe dafür seien bloß zu einem geringen Teil hausgemacht. So habe der extrem lange Winter dazu geführt, dass die Baukonjunktur stark verzögert angesprungen sei. Obendrein habe sich der Stahlpreis nahezu verdoppelt – von 360 auf 650 Euro pro Tonne. „Das erschwert uns den Ankauf von Vormaterial“, streicht der Manager heraus. Der Status der Insolvenz habe überdies dazu geführt, dass die Lieferanten auf Vorkasse oder Bankbürgschaften bestehen. „Vorkasse wäre bei den langen Transportwegen, der langen Produktionszeit und den langfristigen Zahlungszielen gar nicht durchzuhalten. Also sind wir dazu gezwungen, unsere Vormaterialfinanzierung neu zu gestalten“, sagt Patrick von Hertzberg. Dazu seien parallel zum Insolvenzverfahren Gespräche mit dem Land und mehreren Geldinstituten im vollen Gange.

Mit den Kündigungen passe das Walzwerk seine Struktur den wirtschaftlichen Gegebenheiten an. „Das geht auf Kosten der Flexibilität. Auf eine steigende Nachfrage können wir kurzfristig gar nicht mehr reagieren“, gibt der Geschäftsführer zu. Doch ein starker Umsatzaufschwung sei fürs Erste auch nicht zu erwarten.

Etwas Licht am Ende des Tunnels zeichne sich ab, weil es der Autoindustrie besser gehe. „Wir haben bei den Präzisionsrohren Aufträge an Land gezogen, die für vollere Bücher sorgen werden. Allerdings erst ab September 2011“, sagt Patrick von Hertzberg. Mittelfristig seien Neueinstellungen darum nicht nur vorstellbar, sondern sogar wünschenswert.

Für die verbleibenden 142 Mitarbeiter kündigt der Geschäftsführer das Ende der seit zwei Jahren andauernden Kurzarbeit und 35-Stunden-Woche an. Die Beschäftigten soll fortan 40 Stunden pro Woche arbeiten. Und sie werden so qualifiziert, dass sie in allen Bereichen einsetzbar sind.

Die Gekündigten erhalten für sechs Monate Transferzahlungen, die von der Agentur für Arbeit sowie vom Unternehmen geleistet werden und laut Patrick von Hertzberg mit ihren bisherigen Bezügen vergleichbar sind.

Der Betriebsrat trägt den Personalabbau zwar mit, um noch Schlimmeres zu verhindern. „Wir geben aber zur Situation im Walzwerk keine Stellungnahme ab“, sagt Mike Grundmann, Vorsitzender der Arbeitnehmervertretung.

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