Eberswalde (moz) Knapp zwei Dutzend offene Mediziner-Stellen weist die Gesellschaft für Leben und Gesundheit (GLG) aktuell für ihre Einrichtungen aus. Trotz aller Bemühungen gelingt es nicht, diese zu besetzen. Urlaub, Krankheit oder Schwangerschaft reißen zusätzlich Lücken in die Personaldecke. Lücken, die das Unternehmen versucht, mit Honorarärzten zu schließen.
Christian Müller aus Berlin hat gerade seinen Einsatz am Martin-Gropius-Krankenhaus beendet. Es war sein erster in Eberswalde. Die Klinik hatte den Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie für eine einwöchige Urlaubsvertretung engagiert. „Ich bin erst seit gut vier Monaten als Honorararzt tätig“, sagt der 42-jährige Mediziner. Und schon wisse er die Vorteile der Selbständigkeit zu schätzen: mehr Geld, keine Nacht- und Wochenend-Dienste, größere Unabhängigkeit. „Und man lernt viele Häuser kennen“, so der Psychiater, der zuvor an einem Berliner Krankenhaus angestellt war und jetzt „einfach mal etwas Neues ausprobieren“ wollte.
Die Nachfrage nach Vertretungsärzten sei mittlerweile so groß, dass er sich um Angebote keine Sorgen machen müsse. Sicherlich sei für den Patienten der Einsatz eines Wanderarztes eine eher „suboptimale Lösung“, räumt der Mediziner ein. Und gerade in der Psychiatrie sei Kontinuität wünschenswert. „Aber die Lücken müssen trotzdem geschlossen werden.“ Er habe jedenfalls bislang gute Erfahrungen als Honorararzt gemacht.
Auch Harald Kothe-Zimmermann, GLG-Geschäftsführer, weiß die Dienste der medizinischen Freiberufler – mehr oder weniger – zu schätzen. Kurzfristig sei der „Doc zum Buchen“ auf alle Fälle eine sinnvolle Ergänzung, aber keinesfalls eine Dauerlösung. „Wir arbeiten mit etwa 20 bis 25 Honorarärzten relativ regelmäßig zusammen“, so der Konzernchef. Mal werden sie als Urlaubs- oder Krankheitsvertretung „gemietet“, wie im Fall Müller. „Da finde ich das Modell richtig gut. Denn die Honorarärzte sind sehr flexibel.“ Mal sichern Honorarärzte Bereitschaftsdienste ab. Etwa im Bereich Anästhesie in Prenzlau, wo es „nur“ eine Mindestbesetzung gibt. Mitunter stopfen sie allerdings auch Löcher, die sich aus nichtbesetzten Stellen ergeben. Ohne den Einsatz von Honorarärzten in der Inneren Medizin am Prenzlauer Krankenhaus beispielsweise könnte die GLG ihr Leistungsprofil dort nicht zu hundert Prozent aufrecht erhalten, gibt Kothe-Zimmermann unumwunden zu. Der „Leih-Doktor“ also als echte Notlösung. Eine Lösung, die funktioniert. „Aber mehr auch nicht. Natürlich hängen diese Ärzte nicht ihr Herz an die Klinik. Die Verbundenheit ist doch eher gering“, macht der Geschäftsführer ein Problem deutlich. Ein weiteres sei die finanzielle Seite: „Ein Honorararzt ist um etwa 50 Prozent teurer als ein festangestellter.“ Allein deshalb setze das Unternehmen alles daran, Vakanzen zu beseitigen.
Ob GLG-Stipendium für Medizin-Studenten, Übernahme von Umzugskosten, Förderung des Musikschulunterrichts für den Nachwuchs, diverse Mitarbeiter-Rabatte, Freikarten für Veranstaltungen oder internes Fortbildungsprogramm – die GLG lässt beinahe nichts unversucht, um Ärzte zu gewinnen. Aber noch nicht immer mit dem gewünschten Erfolg, wie Kothe-Zimmermann einräumt. Vor allem in der Uckermark sei es aufgrund der Entfernung von Berlin schwer.
Sehr gute Erfahrungen habe die GLG beim Einsatz von Honorarärzten im Bereich der Notfallmedizin, also als Rettungsärzte, gemacht. „Häufig sind es dort ehemalige Kollegen.“ Der Vorteil dieser: Sie kennen das Unternehmen und die Kliniken. Die GLG bedient sich beim Einsatz von Honorarärzten teilweise einer Vermittlungsagentur.
l Honorarärzte sind Mediziner, die – ohne vertragsärztliche Zulassung oder eigene Praxis sowie ohne ein bestehendes Angestelltenverhältnis – gegen ein vereinbartes Honorar einer Tätigkeit nachgehen. Sie können also in Kliniken, Praxen, Versorgungszentren, Instituten oder bei Rettungsdiensten arbeiten.
l Honorarärzte gibt es in Deutschland etwa seit der Jahrtausendwende. Anfangs reisten vor allem Mediziner im Ruhestand. Heute sind es auch jüngere Kollegen. Das Durchschnittsalter der Honorarärzte soll laut Agentur „Notarztbörse“ bei etwa 40 Jahren liegen. Im Ausland ist das Modell schon sehr viel länger fest etabliert. In der Schweiz z. B. spricht man von „Vikarärzten“, in Großbritannien von „Locum Doctors“ (Vertretungsärzten).
l Eine genaue Statistik über die Zahl der Wanderärzte in Deutschland gibt es nicht. Der Bundesverband der Honorarärzte, der sich im Jahr 2008 gegründet hat, geht von etwa 4000 Leihärzten aus. Der Fachverband zählt 130 Mitglieder.
l Rund 65 Prozent davon sind Narkoseärzte. Experten erklären diesen hohen Anteil mit der geringen Patientenbindung und mit dem „Standardisierungsgrad“. Des Weiteren sind laut Verband Chirurgen, Internisten und Allgemeinmediziner vertreten.
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