Bernau (moz) Trommelklänge hallen durch die Sparkasse Bernau. In den Vitrinen sind Keramiken und andere handgefertigte Produkte zu sehen, können die Texte von Gedichten gelesen werden. Gestern wurde dort die Ausstellung „Erfahrungen aus erster Hand“ eröffnet. Es ist die dritte Ausstellung ihrer Art mit Arbeiten psychisch beeinträchtigter Menschen. Der Verein Mimose, das Martin Gropius Krankenhaus und die Tagesstätte der Volkssolidarität in Eberswalde laden hierzu ein.
Keramiken und handgefertigte Produkte: Die Arbeiten sind noch bis zum 10. Oktober in der Sparkasse in der Brauerstraße in Bernau zu sehen.Foto: MOZ/Sergej Scheibe
Regine Jaeckel aus Schönwalde hat bereits in ihrer Schulzeit Gedichte und Theaterstücke geschrieben. Später, so berichtet sie, unterblieb dies. Doch vor einigen Jahren entdeckte sie die Lyrik wieder neue für sich. „Ermutigung zum Glücklichsein“ ist eines ihrer Gedichte überschrieben. Und wer dieses oder andere Zeilen aus ihrer Feder liest, sagt: „Du sprichst mir aus der Seele.“ Oder wie ihre Freundin Gudrun Hammer es ausdrückt: „Die Menschen, die hier ausstellen, haben keine Hornhaut auf dem Herzen.“
Viele der Menschen, die psychisch erkranken, ziehen sich oftmals in sich zurück, lassen keinen anderen Menschen an sich heran. Um so gewichtiger schätzt es Kai Timm von der Tagesstätte der Volkssolidarität in Eberswalde ein, dass sie mit der Ausstellung in die Öffentlichkeit gehen und ihre Arbeiten vorstellen – ein Schritt, den mancher, der keine psychischen Probleme hat, aber nur im stillen Kämmerlein arbeitet, nicht wagt. Auch Besucher der Bernauer Tagesklinik Bernstein sind unter den Ausstellern. Die öffentliche Präsens, die von den Veranstaltern gesucht wird, schätzt auch die Barnimer Behindertenbeauftragte Sabine Jäger. Das gilt für die Trommelgruppe, die Kerstin Noack, von der Volkssolidarität-Tagesgruppe Eberswalde, betreut ebenso wie für die Aussteller.
Das erste Gedicht, das Gisela Christofzik aus Eberswalde schrieb, trägt den Titel „Heute“. Auch die Diplom-Psychologin hat die leidvolle Erfahrung hinter sich, wie es ist, wenn man sich abkapselt. 1994 begann sie mit dem Schreiben von Gedichten. Sie pflegt verschiedene Genre. Aktuell-politische wie beispielsweise über die Gier sind darunter, Liebes- und Kindergedichte, die sie besonders mag, aber auch Gebrauchslyrik. Die Ideen fliegen ihr – ähnlich wie Regine Jaeckel, im Alltag zu. „Ich habe zu Hause überall Zettel liegen, dass ich eine Idee sofort aufschreiben kann“, sagt sie. „Alles, was bewegt“, greift auch Marianne Stolzmann aus Bernau in ihren Gedichten auf. Die Natur spielt bei ihr eine große Rolle. Ihre Eindrücke von einem Regentag hat sie auf einer Zugfahrt aufgeschrieben.
Sylvia Grundmann, Marktdirektorin bei der Sparkasse, heißt Aussteller und Besucher willkommen. Sigrid Thiel, die Vorsitzende des Bernauer Vereins Mimose sieht die Ausstellung auch als eine Anregung für andere an. Sie weiß, wie unterschiedlich die Erfahrungen der Menschen sind und welche Bedeutung der kreativen Gestaltung zukommt. Erfahrungen, die beim Gestalten und Malen gemacht werden, so Kunsttherapeutin Karin Giering vom Martin Gropius Krankenhaus in Eberswalde, können mit in den Alltag hinübergenommen werden. Wie zum Beispiel die Darstellung von Gefühlen, die Einhaltung klarer Strukturen und Vorgaben, das gemeinsame Arbeiten und vor allem das Sprechen über die Arbeiten. Erwachsene, die unter einer Psychose oder an Schizophrenie leiden, reduzierten sich keineswegs auf ihre Krankheit. Künstlerische Betätigung bedeute für sie zugleich Förderung.
Der Verein Mimose lädt Betroffene, Angehörige und Professionelle zum 10. Psychoseminar „Leben mit Schizophrenie“ am Donnerstag, 23. September, 17 Uhr, in die Kontakt- und Beratungsstelle der AWO, An der Stadtmauer 12, ein. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Auch die Anonymität bleibt gewahrt.
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