Der Vor-Ort-Termin in Ladeburg Anfang August ist einer ihrer ersten als Wahlkämpferin. Sie hat sich bequeme Schuhe angezogen und geht mit großen Schritten an der Spitze des Trosses, ihre Begleiter weit hinter sich lassend. "Mein Gott, warum rennen Sie denn so? Da kommt doch keiner hinterher", ruft ihr Ortsvorsteher Horst Seefeld in scheinbarer Verzweiflung nach. Michaela Waigand bleibt stehen, dreht sich um. "Ach, nein?", fragt sie zurück, ohne wirklich eine Antwort zu erwarten. "Ich finde das nicht schnell. Ich laufe immer so", sagt sie. Im Übrigen erkenne man am Gang, wie jemand arbeite, verblüfft die 55-Jährige den Ortsvorsteher ein zweites Mal.
Die kleine zierliche Frau ist ein drahtiger Typ. Das kommt nicht von ungefähr. Mindestens zweimal in der Woche fährt sie rund 40 Kilometer auf dem Fahrrad. Ihre Durchschnittsgeschwindigkeit liegt bei 23 km/h, erzählt sie stolz. "Wahlkampf ist wie Rad fahren", sagt Michaela Waigand. "Man hat ein Ziel vor den Augen und um es zu erreichen, muss man eine Leistung erbringen." Für einen Moment hält sie inne, dann setzt sie hinzu: "Ich würde nie auf halber Strecke absteigen". Fast klingt es wie ein Schwur.
Am Vorabend ihres Sommerurlaubs warf Michaela Waigand ihren Hut als Bürgermeisterkandidatin in den Ring. "Für mich ist es eine Chance, die ich wahrgenommen habe", sagt sie. Vor 24 Jahren fing die Diplom-Juristin als Leiterin des Personal- und Rechtsamtes im Bernauer Rathaus an. Ihr Aufgabengebiet erweiterte sich peu a peu. Sie wurde Dezernentin und schließlich erste Stellvertreterin des Bürgermeisters. Selbst auf dem Chefsessel zu sitzen, wäre die Krönung ihrer Verwaltungslaufbahn.
Dabei war ihr die keineswegs in die Wiege gelegt worden. In gut bürgerlichem Elternhaus aufgewachsen - die Mutter Augenärztin, der Vater Dramaturg - schlug sie schon aus der Art, als sie den Eltern verkündete, sie wolle Jura studieren. Dabei kam der gebürtigen Berlinerin nie in den Sinn, Staatsanwältin, Richterin oder Rechtsanwältin in der DDR zu werden. "Ich wollte immer in die Wirtschaft", erzählt sie. Und das gelang ihr als Parteilose auch. Nach dem Studium in Leipzig wurde sie 1982 Justitiarin in einem Kombinatsbetrieb an der Schönhauser Allee, der sich auf die Produktion von Campingmöbeln spezialisiert hatte.
Mit der Herstellung solcher und anderer so genannter Konsumgüter war es nach der Wende bekanntlich schnell vorbei. Als eine der Letzten verließ Michaela Waigand im Sommer 1990 den Betrieb, bevor er geschlossen wurde. Da hatte sie in Zepernick längst ein Grundstück gekauft, lebte mit Sohn und Mann längst im eigenen Haus und hatte sich in Bernau als Rechtsamtsleiterin beworben. Sie wurde eingestellt.
"Wenn mir jemand zu DDR-Zeiten prophezeit hätte, dass ich je in einer Verwaltung arbeiten würde, den hätte ich für verrückt erklärt", sagt Michaela Waigand. "Ich kannte Verwaltung ja nur restriktiv", erklärt sie. Was wohl heißen soll, heute sei Verwaltung offener, weniger autoritär. Sie ahnt, dass der eine oder andere Bewohner der Stadt dies doch anders sehen könnte in einer Situation, in der sich kleine Ortsteile benachteiligt, Bürger mit ihren Beschwerden nicht ernst genommen und Stadtverordnete mitunter bevormundet fühlen. Und so sagt die 55-Jährige: "Man darf nicht nur die Verwaltung, sondern man muss immer den Menschen sehen."
Nach fast zweieinhalb Jahrzehnten in leitender Position sieht Michaela Waigand durchaus Handlungsbedarf in Bezug auf die Struktur der Stadtverwaltung. Wenn sie Bürgermeisterin wird, will sie die Verantwortung auf breitere Schultern legen. Die Bildung eines vierten Dezernats, so wie es bereits in der Stadtverordnetenversammlung schon einmal diskutiert worden ist, hält sie für durchaus angebracht. Aber auch im Umgang mit den Mitarbeitern müsse sich im Rathaus einiges ändern. "Viele haben vergessen, dass sie bei Entscheidungen durchaus einen Ermessensspielraum haben. Ich möchte, dass sie sich trauen, etwas zu sagen und auch mal einen Fehler machen können, ohne dass ihnen gleich der Kopf abgerissen wird", sagt sie.
Indirekt bestätigt Michaela Waigand damit die Kritik am Führungsstil von Hubert Handke. Sie galt und gilt als enge Vertraute des Ende März abgewählten Bürgermeisters. Die Frage, warum sie zu Handkes Amtszeit ihren Einfluss nicht entsprechend geltend gemacht habe, beantwortet sie mit einem Satz: "Ich bin loyal!"