Kein Wort Deutsch sprach Jocinta damals, vor einem Jahr, als sie mit ihren Eltern von Kenia nach Deutschland kam. Alles hatte sie in Afrika zurückgelassen. Familie, Freunde, einen Großteil ihrer persönlichen Sachen. Nach einem Aufenthalt in einem Auffanglager verschlug es die Familie nach Bernau-Süd. Jocinta kam in die fünfte Klasse der Grundschule an der Hasenheide. Dort lief es für das farbige Mädchen anfangs nicht so gut. „Die anderen Mädchen mochten mich nicht“, erzählt Jocinta leise. „Sie haben mich geärgert. Haben gefragt: Was willst du hier, du Ausländer?“
Für das Mädchen eine schwere Situation, zumal sie damals noch schlecht Deutsch sprach. Inzwischen geht es der 13-Jährigen besser. Sie hat die Klasse gewechselt. Mit den neuen Mitschülern versteht sie sich sehr gut, hat schon einige Freundinnen gefunden. Jocinta lernt gerne und spielt inzwischen Basketball im Verein. Nach der Schule möchte sie Medizin studieren und Ärztin werden. Jocinta ist angekommen in Deutschland.
Die Schwierigkeiten, die Jocinta mit ihren Mitschülern hatte, sind keine Einzelfälle. „Die Grundschule an der Hasenheide ist die mit den meisten Einwandererkindern in Bernau“, erklärt Birgit Schädlich vom Verein Bildung-Begegnung-Zeitgeschehen. „Da bleiben Schwierigkeiten nicht aus.“
Mit Ausländerfeindlichkeit habe das aber nichts zu tun, schickt Lehrerin Kerstin Riedel hinterher. „Damals bei Jocinta waren es einfach Probleme unter Mädchen. Ausländerfeindlich sind die Kinder hier gar nicht. Die sind eher sehr interessiert daran, wie Menschen in anderen Ländern leben. Deshalb hatte ich auch die Idee zu dem Projekt.“
Mit dem Projekt „Keine Angst vor Fremden“ sind die Mitglieder des Vereins bereits seit einigen Jahren an Schulen im Barnim unterwegs. Kürzlich wurde der Verein dafür mit dem Preis „Aktiv für Demokratie und Toleranz 2010“ ausgezeichnet. „Ziel des Projektes ist es, Verständnis zu wecken für ausgewanderte Menschen“, beschreibt Birgit Schädlich.
Die Sechstklässler sollen aufschreiben, was für drei Dinge sie selbst mitnehmen würden, wenn sie morgen mit ihren Eltern auswandern müssten. Geld, Handy, Laptop und Spielsachen werden da genannt.
Anschließend sollen sie die Gründe aufzählen, weswegen Menschen ihr Heimatland verlassen. Krieg, Verfolgung, Familienzusammenführung und bessere Lebensbedingungen werden genannt. Die Kinder sind gut informiert.
Mit im Kreis sitzten auch erwachsene Auswanderer, die von ihren Erlebnissen berichten.
So wie Alex. Der 27-Jährige ist vor einem Jahr aus den Vereinigten Staaten nach Deutschland gekommen und lebt derzeit in Wandlitz. Ihm sei es sehr schwer gefallen, seine Heimat Los Angelos zu verlassen, berichtet der freundliche junge Mann mit dem Basecap. „Meine Familie und meine ganzen Freunde zurückzulassen, das war schon schlimm.“ Aber der Amerikaner wollte zu seiner Mutter, die im Barnim wohnt. „Ich wollte in ihrer Nähe sein“, erklärt der junge Mann, der Makler werden möchte und mittlerweile schon sehr gut Deutsch spricht. Auch Alex fühlt sich mittlerweile wohl. Nicht verstehen kann er, warum so viele Deutsche Vorbehalte gegenüber Amerikanern haben. „Das höre ich sehr oft, dass die Leute sich negativ über die USA äußern.“
Zu seinen Freunden gehört auch Thomas aus Kenia. Auch er ist beim Projekt dabei. Sein Sohn Francis besucht ebenfalls die sechste Klasse. Der Zwölfjährige ist seit Ende 2009 in Deutschland. „Ich bin gerne hier. Heimweh nach Kenia habe ich gar nicht“, erzählt der Junge. „Ich habe hier neue Freunde und spiele Fußball beim FSV Bernau.“ Sein bester Freund ist Ali. Obwohl er in Deutschland geboren ist, weiß er, was es bedeutet, fremd zu sein. Seine Familie kommt aus dem Libanon und der Ukraine. Aber die beiden Jungs wissen: Wenn man Freunde hat, geht alles viel leichter.
Ihren Eltern fällt der Umstieg nicht so leicht. Alex weiß schon jetzt: Er will in die USA zurück. „Ich habe gemerkt, dass das doch meine Heimat ist.“ Thomas dagegen will mit Francis hier bleiben. Als die Kinder ihn fragen, was er sich für die Zukunft wünscht, muss er nicht lange überlegen. „Dass wir für immer hier bleiben können, eine Arbeit finden“, sagt er.“ Viele Kinder nicken. Verständnis für ihre Situation, das haben die Einwanderer heute bekommen.