Gerade rechnet Bernd Schuhmann auf der Dienstagsdemonstration den Menschen vor, was das so genannte Abschmelzungsmodell für die Altanschließer seiner Meinung nach bedeutet. Dabei jongliert er wild mit Prozentzahlen. Viele können ihm nicht folgen, eine Reaktion der Protestierenden bleibt aus. Doch André Stahl kommt die Erleuchtung. "Spätestens seit dieser Rechnung weiß ich, warum die DDR untergehen musste", verkündet er den Umstehenden. Der kurzen, wirkungsvollen Pause folgt die Erklärung: "Wenn solche Leute Finanzbuchhalter waren...", bemerkt er vielsagend mit einem Kopfnicken in Schuhmanns Richtung. Damit hat Andrè Stahl die Lacher auf seiner Seite.
Schlagfertig ist der Linke, das muss man ihm lassen. Und er ist einer, der mit seiner Art Menschen gewinnen kann. Die Biesenthaler Stadtverordneten hat er, unabhängig davon, welcher Partei sie angehören, in den acht Jahren seiner Amtszeit als ehrenamtlicher Bürgermeister zusammengebracht - zum Wohle der Stadt. Das bringt ihm selbst jetzt, während er um die Wählerstimmen in Bernau ringt, Punkte ein. Wahlkämpfer anderer Parteien, die glaubten, sie könnten Biesenthaler einspannen, um Stimmung gegen Stahl zu machen, erlebten eine Enttäuschung. Man kennt sich in der Nachbarstadt, man arbeitet zusammen, man feiert zusammen. Der Stil der politischen Auseinandersetzungen ist ein anderer als in Bernau - geradliniger, direkt.
André Stahl wird deshalb auch nicht müde, davon zu sprechen, dass Bernau einen Mentalitätswechsel braucht - im Rathaus, in der Stadtverordnetenversammlung, im Zusammenleben generell. Eine so wohlhabende Stadt könne es sich leisten, den Bürgern etwas zurückzugeben, ist er überzeugt. Da stimmt er mit seinem Mitbewerber Hennig überein. Die Aufhebung von Straßenreinigungsgebühren und Umlagen für den Wasser- und Bodenverband oder möglicherweise zur kostenlosen Milch- auch eine kostenlose Obstversorgung für Schulkinder einzuführen, müsse in Bernau drin sein.
Ihm als Linken wird an dieser Stelle sofort unterstellt, er wolle das Geld Bernaus "verprassen". Jeder wisse doch, dass Linke nicht mit Geld umgehen könnten. Andrè Stahl bleibt bei solchen Vorurteilen völlig gelassen. "Nicht nur Bernau, auch die Stadt Biesenthal hat einen ausgeglichenen Haushalt", pflegt er dann regelmäßig grinsend zu antworten. Und dann ist da ja auch noch die Tatsache, dass er seit zehn Jahren seine eigene Rechtsanwaltskanzlei mit zwei Mitarbeiterinnen unterhält. Geld verdienen und zusammenhalten, das kann er offenbar. Als Vater von drei Kindern muss er das wohl auch.
Manche sagen, dieser Stahl sei kein richtiger Linker. In die Wiege gelegt worden ist ihm die Partei tatsächlich nur bedingt. Der Vater war nicht unbedingt ein Anhänger der politischen Verhältnisse in der DDR, seine Mutter schon eher von der sozialistischen Idee überzeugt. Als die DDR im Wendejahr 1989 unterging, war der Sohn gerade 18 Jahre alt und auf dem Weg zum Abitur. Während die Genossen Lehrer scharenweise aus SED und PDS austraten, erklärte er seinen Eintritt. "Es war viel jugendlicher Oppositionsgeist dabei", sagt er rückblickend, "ein bisschen Märtyrerhaltung, in der ich mir damals gefiel".
Eigentlich wollte er immer Medizin studieren, doch drei Jahre Wartezeit waren ihm zu lang. "Also bin ich zur Uni gefahren und habe geguckt, wo was frei war. So bin ich zu Jura gekommen." Bereut hat er die Wahl nicht. "Ich gehörte immer zu denen, die ein sicheres Gefühl haben, was rauskommen muss", sagt der 43-Jährige. Er meint damit wohl auch die juristischen Fälle, die er zu bearbeiten hat. Doch nicht nur. Der Pragmatiker verlässt sich auch in anderen Lebenslagen auf sein Gespür. Und das sagt ihm, dass Bernau wieder eine selbstbewusste, prosperierende Stadt wird, wenn es ihr gelingt, "dieses Stadtmauerdenken, dieses Klein-Klein" zu überwinden. "Diejenigen, die hierher ziehen, wollen im Grünen, aber städtisch leben. Daraus muss man was machen - für die Ansiedlung der Wirtschaft und der Menschen", ist er sicher.
Diese Aufgabe reizt ihn. Deshalb tritt er in Bernau an. "Mit 43 Jahren Bürgermeister einer solchen Stadt zu werden, das ist wirklich anspruchsvoll und eine Herausforderung", sagt André Stahl. Und er ist selbstbewusst genug, auch das zuzugeben: "Dass ich diese Bürgermeisterkandidatur von den Linken angetragen bekommen habe, ist einfach schön."