Rund einhundert Jahre nach der Erschießung des letzten freilebenden Wolfs auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik im Jahr 1904 in der Lausitz, konnte im Jahr 2000 ebenda erstmals wieder eine erfolgreiche Reproduktion des Wolfes in Deutschland nachgewiesen werden. Polnische Wölfe siedelten sich unmittelbar südlich der Landesgrenze zu Brandenburg auf einem Truppenübungsplatz an und zogen im Jahr 2000 erstmals Jungtiere auf. Seit der Jahrtausendwende etabliert sich die Art nun langsam wieder in der Mark: Derzeit geht das Landesamt für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz von einem Wolfsbestand von mindestens elf Rudeln, zwei territorialen Paaren sowie zwei territorialen Einzeltieren in Brandenburg aus.
Warum das so ist, erläuterte Torsten Fritz von der Unteren Jadgbehörde des Landkreises Potsdam-Mittelmark am Dienstagabend in seinem Vortrag "Der Wolf - eine Spurensuche im märkischen Sand" im Brandenburger Fontaneklub. Im Rahmen der Ökofilmtour des Naturschutzzentrums Krugpark hatte der NABU Regionalverband Brandenburg Fritz eingeladen, die derzeitige Situation des Raubtiers Wolf in der Region vor Publikum darzustellen und auf die durchaus unterschiedlichen Perspektiven und Blickwinkel auf das Erholen der hiesigen Wolfspopulation einzugehen.
"Stand heute kann man sagen, dass sich der Wolf wieder im gesamten Gebiet des Landkreises Potsdam-Mittelmark wohlfühlt. Wir haben in den vergangenen Jahren im gesamten Landkreis Hinweise auf die Anwesenheit der Tiere sammeln können." Äußerst wohl fühlen sich die noch recht frischen Populationen vor allem auf den in weiten Teilen unberührten und dadurch artenreichen Truppenübungsplätzen - so auch auf dem weitläufigen, knapp 7.500 Hektar großen Gelände nahe Lehnin. Durch das Aufstellen von Fotofallen, das Protokollieren von Spuren, Sichtmeldungen und anderen Maßnahmen der Dokumentation konnten die Fachleute um Torsten Fritz in den vergangenen Jahren so eine belastbare Statistik über den Bestand in der unmittelbaren Umgebung erstellen.
Demnach existieren derzeit drei Rudel im Kreisgebiet. In Lehnin konnte erstmals 2010 eine Reproduktion ermittelt werden, zwei Welpen erblickten damals das Licht der Welt. In den beiden darauf folgenden Jahren konnten jeweils fünf Nachwuchswölfe gezählt werden, 2013 waren es vier.
Innerhalb der Jägerschaft und unter den Nutztierhaltern machte sich nach dem Bekanntwerden der Wiederansiedelung des Wolfes in der Region vor einem Jahrzehnt schnell Unruhe breit. Und auch heute sind die Diskussionen nicht abgeklungen. Wie werden sich die hiesigen Populationen entwickeln? Stellt der Wolf eine dauerhafte Gefahr für Wild- und Nutztiere der Region dar? Oder gar für den Menschen? Derlei Fragen musste sich Fritz im Anschluss an seine Bestandsaufnahme stellen, die Menschen sind nicht erst seit Dienstag für das Thema sensibilisiert. "Es gibt zu diesem Thema natürlich verschiedene Standpunkte", weiß der vom Landkreis gestellte "Wolfsbeauftragte". Nutztierhalter haben verständlicherweise Angst um ihre Tiere - so wurden in den vergangenen Jahren beispielsweise diverse Schafrisse in der Region zwischen Kloster Lehnin und Bad Belzig verzeichnet. Jäger hingegen, die mit dem Verkauf von geschossenem Wild ihren Lebensunterhalt verdienen, sehen den Wolf ebenso als die Bestände limitierenden Faktor.
Da sich der Wolf zudem keinem natürlichen Feind ausgesetzt sieht, schreien schon heute viele nach Eingriffen durch den Menschen. Dabei vergessen sie jedoch, dass dieser schon einmal an der Ausrottung der hiesigen Populationen schuld war. "Im Großen und Ganzen ist der Mensch derzeit nicht durch den Wolf bedroht", sagt auch NABU-Vorsitzender Bodo Rudolph. "Im Gegenteil, der Wolf ist vielmehr ein Angsthase, der dem Menschen im Normalfall aus dem Weg geht." Wie sich die Populationen allerdings in der kommenden Dekade entwickeln, vermag auch die Expertenschaft nicht zu beurteilen. "Wir werden den Wolf deshalb weiter intensiv beobachten, dokumentieren und die richtigen Schlüsse ziehen." Dazu diene das vom Land eingesetzte Werkzeug des Wolfsmanagements, das Prävention und Lösung der Konflikte, die mit der Rückkehr des Wolfes verbunden sind, lösen soll.
Die Jagd der Tiere bleibt indes auf absehbare Zeit untersagt. Denn letztlich ist die Rückkehr des Wolfes auch ein Beleg dafür, dass die Gesellschaft das Mittelalter hinter sich gelassen hat. "Wir stufen die Tiere heute nicht mehr in gut und böse ein, sondern stehen auch Tieren ein Lebensrecht ihrer selbst wegen zu. Der Wolf übernimmt zudem eine Funktion im Ökosystem. Fehlt er, ist die Natur ein deutliches Stück weniger vollständig", schreibt der NABU dazu.