Ganz konkret ginge es bei der Frage der Kreisfreiheit um die Zukunft der kulturellen Vielfalt in der Stadt. Theater und Orchester, Museen und Musikschulen - sie alle stünden, würde nicht mehr die hiesige SVV die Entscheidungsgewalt über sie besitzen, vor einer mehr als ungewissen Zukunft. Aber auch die Fachhochschule, Verkehrsbetriebe, Bäder oder Volkshochschule sowie das kommunale Krankenhaus oder die Schulen - derzeit allesamt von der Kommune verantwortet - würden Probleme bekommen. So würde die Stadt zum Beispiel bei der Kitabedarfs- oder der Sozialplanung nicht mehr frei entscheiden können. Vielmehr wäre sie abhängig vom Kreistag, in dem Menschen entscheiden , deren oberste Maxime wahrscheinlich nicht das Wohl der Stadt Brandenburg sei. "Verlieren die Oberzentren ihre Kreisfreiheit, würde unser Land insgesamt auf sozialem, kulturellem, sportlichem und wirtschaftlichem Gebiet ärmer werden", behauptet Tiemann.
Die Ängste der drei Städte - Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs war der Veranstaltung fern geblieben - illustrierte Jens Graf, Referatsleiter beim Städte- und Gemeindebund Brandenburg, sehr anschaulich: "Mittelfristig - und das zeigen die Beispiele der in der Vergangenheit nach der Kreisgebietsreform Anfang der Neunziger Jahre eingekreisten Städte Schwedt und Eisenhüttenstadt - wird eine Einkreisung Verluste verschiedenster Angebote für die Menschen nach sich ziehen." So hätte Schwedt sein Städtisches Klinikum mittlerweile verkaufen müssen. Eisenhüttenstadt habe vor 20 Jahren trotz Einkreisung zunächst zwar viele Kompetenzen behalten dürfen, gab im Laufe der Jahre aber Musikschule, Sozialamt, weiterführende Schulen und im Vorjahr gar die Bauaufsichtsbehörde an den Kreis ab. "Sie konnten es einfach nicht mehr bezahlen", so Graf. Einer der Gründe in diesem komplexen Geflecht: die so genannten Kreisumlagen, die nichts anderes bedeuten, als dass die Kommunen einen nicht unbedeutenden Teil ihrer Einnahmen an den Kreis abführen müssen.
Die interkommunale Geschlossenheit unterstrich auch Frankfurts Oberbürgermeister Martin Wilke, der die kreisfreien Städte als "Leuchttürme des Landes" bezeichnete. "Und wohin sehen Menschen, die nicht aus der Region sind, zuerst? Dahin, wo es leuchtet! Wenn wir jedoch zukünftig nicht mal mehr in der Statistik auftauchen, wird es schwierig." Neben der Frage der öffentlichen Wahrnehmung, auch durch sich potenziell ansiedelnde Unternehmen, sehen die Stadtchefs vor allem die oberzentralen Funktionen ihrer Kommunen im Falle einer Einkreisung auf Sicht gefährdet - und damit auch die Lebensqualität der dort lebenden Menschen. "Wir engagieren uns in diesem Fall ja nicht zum Selbstzweck, sondern zum Wohle der Brandenburger", so Wilke.