Der letzte der alten Obusse des Herstellers MAN hat sich gestern in Eberswalde mit zwei Ehrenrunden verabschiedet. Zur Freude vieler Obus-Fans rollte er noch einmal auf der 18,9 Kilometer langen "roten Linie" (861) von Nordend über Stadtmitte, Westend, Finow (Kleiner Stern), Brandenburgisches Viertel und zurück.
So um die 30 Fahrer und zwei Fahrerinnen halten den Obus -Betrieb an sieben Tagen die Woche, Weihnachten, Silvester und andere Feiertage eingeschlossen, am Laufen. Für die letzten Runden der Nr. 011 hatte sich Andreas Zietemann, seit 28 Jahren Busfahrer, freiwillig gemeldet. Warum? "Ich habe die ersten Busse dieses Typs vor fast 20 Jahren mit vom Güterbahnhof zum Betriebshof gefahren. Die letzte Fahrt schließt dieses Kapitel ab. Jetzt geht es weiter auf den neuen Solaris - komfortabler, ökologischer und leider ein bisschen lauter." Tachostand der Nr. 011 beim Start zur ersten Ehrenrunde: 861575 Kilometer. Passt zur Liniennummer, sagt der Busfahrer.
Einsatzleiter Helmut Kessel hat seine Wünsche auf den Oldie geschrieben: "Geliebt, gehasst und manchmal verflucht. Es waren schöne Jahre mit Dir. Dein Obus-Pilot." Geliebt, weil Kessel hier wunderbare Begegnungen mit Eberswaldern hatte und sich der Bus wunderbar fahren ließ. Gehasst, wenn eine kaputte Sicherung die Fahrt verzögerte. Verflucht, wenn er im Regen die Stangen umlegen musste.
Pünktlich 12.36 Uhr fährt Andreas Zietemann den Bus Nr. 011 von der Haltestelle Neue Straße ab. Hobby-Fotografen, treue Obus-Fans und normale Linienpassagiere sind zugestiegen. Der Bus ist gut gefüllt. Martin Klimmek ist mit an Bord: "Das ist meine Linie, die rote. Deshalb sage ich: Tschüss. Wir brauchen den Obus, er ist umweltfreundlich." Stefanie Fitzer ist mit Tochter Lea unterwegs. Die ersten Busse mit Neigetechnik für Kinderwagen, Rollatoren und Rollstühle haben Müttern mit Kinderwagen und behinderten Menschen das Mitfahren erleichtert. Stefanie Fitzer will ihrem Vater, von Beruf Busfahrer, von diesem kleinen historischen Moment berichten. Clara und ihren Freundinnen steigen am Markt zu. Sie wollen zum Bahnhof und weiter nach Berlin. Kein Ticket kaufen? "Klasse", freuen sie sich und fragen: "Ist der Bus dann für immer weg?" Auf einem Banner am Bus steht: "Eberswalde köszönti Budapestet!" - Eberswalde grüßt Budapest. Der Bus Nr. 011 rollt wie der Rest der alten MAN-Flotte nach der Instandsetzung künftig in der ungarischen Hauptstadt Budapest. Dort fährt er dann ganz rot lackiert, wie Frank Wruck, Chef der Barnimer Busgesellschaft, berichtet. Fast eine Million Kilometer war jeder MAN-Bus im Stadtgebiet auf den Linien 861 und 862 unterwegs. Wruck erklärt: "Sie haben ihre Lebensdauer erreicht. Die Ersatzteilversorgungspflicht für ihre Elektronik ist erloschen. Die neue Solaris-Flotte ist unterm Strich preiswerter." Sie ist zudem komfortabler, klimatisiert, spart Energie. Wegen der lauten Motorengeräusche sind die Eberswalder mit dem Hersteller weiter im Gespräch. Die Barnimer Busgesellschaft hat zwölf Obusse auf zwei Strecken im Eberswalder Stadtgebiet im Einsatz. Im Jahr befördern allein diese rund 3,5 Millionen Passagiere.