Es ist kein seltenes Szenario: Jemand fährt in den Urlaub und bittet den Nachbarn, sich um die Blumen zu kümmern. Im Gegenzug nimmt er auch mal ein Paket für den anderen entgegen, wenn der gerade nicht zu Hause ist. Das nennt man dann Nachbarschaftshilfe. Oder schlicht Freundlichkeit.
Der Tauschring Joachimsthal will diese Form der Freundlichkeit nun ganz geschickt organisieren. "Das Geld wird immer knapper. Was wir aber gewinnen, ist Zeit", sagt Hans-Jürgen Fischbeck. Und jeder habe irgendwelche Talente oder Fähigkeiten, mit denen er andere unterstützen kann.
Das kann alles sein, wie Mitglieder der Projektgruppe des Tauschrings bei der Einführungsveranstaltung am Mittwochabend erklären. "Das kann Rasen mähen oder Fenster putzen sein, Hilfe beim Ausfüllen von Formularen für das Amt oder die Begleitung dorthin. Auch Betreuung der Kinder oder älterer Angehöriger - das alles können Sie anbieten", erklärt Heide Sommerfeld das Prinzip. In der regelmäßig erscheinenden Tauschzeitung werden die Angebote veröffentlicht. Dort kann sich dann jeder raussuchen, was er gerne hätte. "Das eröffnet uns ganz neue Möglichkeiten. Ich kann mir dann zum Beispiel mal eine Nackenmassage gönnen, für die mir sonst das Geld fehlt", sagt Heide Sommerfeld.
Die Währung bei der Tauschbörse ist das "Talent". Für eine Stunde Arbeitszeit bekommt man vier Talente auf seinem Zeitkonto gutgeschrieben. Das hat den Effekt, dass man keinen direkten Tauschpartner finden muss, sondern sich seine geleistete Arbeit anschreiben lassen kann.
In einem kleinen Versuch unter den etwa 50 Gästen in der Schorfheide-Info wird das Prinzip deutlich. Alle schreiben ihre Gesuche und Gebote auf kleine Karten. Dann wird eingesammelt und zusammengetragen. Eine Person bietet zum Beispiel an, Botendienste mit dem Auto zu übernehmen. Er sucht wiederum jemanden, der ihm beim Fenster putzen hilft. Ein zweiter bietet an, beim Fenster putzen zu helfen. Ein Auto hat er aber selber, mit dieser Hilfe kann er nichts anfangen. Aber er sucht jemanden, der ab und an ein bisschen Zeit mit der 90-jährigen Mutter verbringt. Auch dafür findet sich jemand, der wiederum etwas ganz anderes sucht. Auf diese Weise hat jeder die Möglichkeit, sein Zeitkonto beliebig zu füllen und wieder zu leeren.
Immer wieder wird dabei der große Nutzen besonders für die älteren Herrschaften betont. Was ist aber, wenn man einer 80-jährigen alten Dame hilft, die selber keine Gegenleistung erbringen kann? Die Frage der Joachimsthalerin wird schnell beantwortet: "Es findet sich eigentlich immer irgendetwas, das jemand für einen anderen tun kann. Egal, wie alt sie sind", sagt Hans-Jürgen Fischbeck. "Oft stellen die Leute dann fest, dass sie ja doch noch gebraucht werden und nicht nur eine Last sind. Das tut ihnen richtig gut." Aber wenn es sich um einen vielleicht sogar bettlägerigen Menschen handelt, der gar nichts tun kann, gibt es eine Möglichkeit: der Zeitfonds. Hier sollen Talente gesammelt werden, zum Beispiel durch Spenden anderer. Oder Talente, die lange ungenutzt auf den Konten anderer liegen.
Ab 2. Februar gibt es eine Tauschring-Info in der Bibliothek. Jeden Donnerstag von 15.30 bis 17 Uhr können sich Interessierte hier über das Projekt informieren.