Dieser Tage wurde es jedoch eng am Steuerstand der "Schwedt". Annalena Baerbock, Bundestagsabgeordnete der Grünen, hatte sich beim WSA angesagt, um sich vor Ort ein Bild von der Spezifik der Oder zu machen. Vor allem unter den Aspekten des Umwelt- und Hochwasserschutzes. Baerbock ist Mitglied der Parlamentarischen Gruppe "Frei fließende Flüsse" und klimapolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion. Bevor die 36-Jährige mit WSA-Chef Peter Münch, Sebastian Dosch und Co. gewissermaßen in Klausur ging, gab es Anschauungsunterricht an Bord der "Schwedt".
Dieser Eisbrecher, Baujahr 2010/11, ist - gemeinsam mit dem Schiff "Kietz" - der jüngste in der Flotte, zu der insgesamt sieben Fahrzeuge gehören. "Kienitz", Baujahr 1957, der älteste. Seit 1957 seien Deutschland und Polen gemeinsam beim Eisaufbruch auf der Oder unterwegs - "partnerschaftlich", erklärte Uwe Kleinschmidt vom WSA, der Politikerin. Auf der Grundlage des damals geschlossenen Staatsvertrages. Regie führe die polnische Seite, wo sich mit Stettin auch die Einsatzzentrale befindet. Insgesamt stünden für den Aufbruch 14 Schiffe bereit.
Auf der Basis der Erfahrungen habe das WSA Eberswalde seine Flotte in den vergangenen Jahren zum Teil erneuert. Neue, große Brecher mit geringerem Tiefgang lösten alte ab. Kleinschmidt berichtete von den eigenen Entwicklungen, von umfangreichen Tests mit Modellen im Eiskanal der Versuchsanstalt für Schiffbau in Hamburg. Als alles passte, wurde der Auftrag ausgelöst. Fünf Millionen Euro, so erfuhren Baerbock und Grünen-Landtagsabgeordneter Axel Vogel, koste so ein Schiff. Es sei - laut "Kojenerlass" - mit fünf Kabinen ausgestattet. Wenn es hart komme, müsse die Besatzung immerhin drei bis vier Wochen an Bord ausharren.
Apropos Technik: Ja, auch die modernen Eisbrecher fahren noch mit Schiffsdiesel. Man habe alternative Antriebsarten durchaus geprüft, versicherte Kleinschmidt. Doch der Diesel-Motor (nach gültiger Abgasnorm) sei für diesen besonderen Einsatz einfach am besten geeignet. Vor, zurück, Drehzahl rauf und runter, da sei der Klassiker mit um die 1000 PS unschlagbar.
Im Gegensatz zur Elbe friere die Oder fast immer zu, so dass die Flotte fast jedes Jahr zwischen Stettin und Ratzdorf im Einsatz sei, fügte Peter Münch hinzu. Das seit etwa 30 Jahren geführte Eistagebuch, die Statistik, belege dies eindrucksvoll. Wobei es beim Aufbruch nicht vordringlich um die Schifffahrt ginge. Vielmehr müsse man vor allem für den Wasserabfluss sorgen und die Vorflut sichern. Die Aktion diene also dem Hochwasserschutz. "Das Oderbruch ist wie eine Badewanne. Im Katastrophenfall würde sie volllaufen", unterstrich Dosch. Das gelte es zu verhindern. Aus eben diesem Grund habe Polen - nach der Flutkatastrophe von 1947 - auch mit Deutschland eine Vereinbarung zum gemeinsamen Eisaufbruch abgeschlossen.