Dass eine junge Frau mit 18 Jahren bereits Mutter wird, ist nichts Ungewöhnliches. Bei einer ambitionierten Sportlerin und Auswahlhandballerin hingegen ist es eher die Ausnahme oder wie im Fall von Chantal Bartholomé, Drittliga-Spielerin des Frankfurter HC, Folge eines "Unfalls". Bei einem Lehrgang der Junioren-Nationalmannschaft Ende 2012 verdrehte sich die 1,75 Meter große Rückraumspielerin unglücklich das Knie. Die Diagnose - Kreuzbandriss. In der Folge bekam sie Schmerzmittel verabreicht, die als Begleiterscheinung die Wirkung der Antibabypille beeinträchtigten. Das Ergebnis der Verkettung dieser Umstände heißt Jolice und kam im Sommer 2013 zur Welt.
Chantal Bartholomé, deren Urgroßvater einst aus Portugal nach Deutschland kam und der Familie den wohlklingenden Nachnamen bescherte, wuchs mit drei Geschwistern in Berlin auf und kam über eine Handball-AG an der Grundschule zu den Reinickendorfer Füchsen. Bei einem Turnier der Berliner Auswahl wurde sie vom ehemaligen Frankfurter Nachwuchstrainer Gernot Funk angesprochen, der die damals 14-Jährige für den FHC begeistern und gewinnen konnte.
"Ein halbes Jahr lang lag ich meinen Eltern in den Ohren, um sie zu überzeugen, ehe sie endlich nachgegeben haben", erinnert sich Chantal Bartholomé, die innerhalb der Mannschaft nur "Kelly" gerufen wird. "Daran ist mein Berliner Jugendtrainer schuld", erzählt sie schmunzelnd. Weil sie immer so viele, teils lustige Fragen gestellt habe, verglich er sie eines Tages mit Kelly Bundy, Tochter von Al  Bundy aus der amerikanischen Kult-Fernsehserie "Eine schrecklich nette Familie".
Trotz der Geburt ihrer Tochter absolvierte Chantal Bartholomé 2014 ihr Abitur an der Frankfurter Sportschule und studiert seit Herbst an der Viadrina-Universität Kulturwissenschaften. Doch das Studium hatte sich die inzwischen 20-Jährige anders vorgestellt und sich mittlerweile entschieden, die Fachrichtung auf Lehramt oder Medienmanagement zu wechseln.
Töchterchen Jolice, die momentan bei den Eltern in Berlin aufwächst, spielt in den Zukunftsplänen der Handballerin natürlich auch eine große Rolle. "Noch gibt es viel zu überlegen und bedenken, aber am liebsten würde ich mit der Kleinen zusammen in eine eigene Wohnung ziehen", plant die junge Mutter, die derzeit noch im Bundeswehr-Internat am Frankfurter Olympiastützpunkt wohnt.
Auch sportlich hat die ehrgeizige Handballerin noch viel vor. "Den Traum, noch einmal beim DHB-Team anzuklopfen, habe ich noch nicht aufgegeben", erzählt sie. "Als ich 2009 nach Frankfurt kam, sah ich Tine Beier immer auf dem Sportplatz laufen. Sie hatte sich an der Schulter verletzt und konnte nicht mit dem Ball trainieren. Ich habe dann beobachtet, wie sie sich Schritt für Schritt zurückgekämpft und es bis in die Nationalmannschaft geschafft hat. Das hat mir imponiert. Als Tine dann bei uns im Internat als Erzieherin gearbeitet hat, haben wir uns oft unterhalten." Mit dem FHC will Chantal Bartholomé in dieser Saison angreifen. "Wenn wir an die Leistungen der zweiten Hälfte der zurückliegenden Saison anknüpfen können, ist sicher einiges machbar." Ob die 20-Jährige, die auch schon mal gern körperbetont verteidigt, in der Offensive dann wieder am Kreis oder auf der bevorzugten Rückraumposition zum Einsatz kommt, ist noch offen. "Viel wichtiger ist, dass wir als Mannschaft zusammenhalten", sagt die Kapitänin des jungen FHC-Teams. In der sommerlichen Handball-Pause nutzte sie die Gelegenheit und verbrachte viel Zeit in Berlin und mit Töchterchen Jolice. Doch längst bestimmt die Saisonvorbereitung wieder den Tagesablauf der FHC-Handballerin.