Schon passiert: Eine Tourist aus Afrika setzt sich in den Zug. Ziel: Frankfurt. Er landet an der Oder, wollte aber in die Großstadt am Main.
Ein Doppelporträt über die boomende Hessen-Metropole und die schwindende 59 000-Einwohner-Stadt im östlichsten Deutschland brachte Reinald Grebe im Schauspiel Frankfurt Sonnabend auf die Bühne. Premierengast war Heike Papendick, Mitarbeiterin des Sozialamtes mit Sitz im Oderturm. Sie hat den Kabarettisten, Liedermacher, Schauspieler und Regisseur Grebe während seiner Studienreise an die Oder ein paar Tage begleitet. Und ist von Stück, in dem das kleine Frankfurt nicht immer gut wegkommt, aber so schlecht auch wieder nicht, angetan. Und berührt. "Die Revue beginnt rasant, schrill, nicht immer politisch korrekt, gespickt mit Überspitzungen und Übertreibungen. Du sitzt gefesselt auf deinem Theaterstuhl und erfährst von drei wunderbaren und komödiantisch starken Schauspielern und sieben Frankfurtern von der Oder und vom Main, wie sie auf unsere bröselnde Stadt schauen."
Absterbend und bankrott sei sie, heißt es am Main. Während sich die Finanzmetropole in der Grebe-Revue Bankfurt nennt, wird der Namenszwilling mit Krankfurt degradiert. Weil die Statistik sagt: In den zurückliegenden 25 Nachwendejahren ist Frankfurt (O) um 30 000 Einwohner geschrumpft. Bei diesem Tempo müsste die Stadt in hundert Jahren von der Landkarte verschwunden sein.
Grebe (und damit auch Heike Papendick) ist es zu verdanken, dass die Punkband Bockwurschtbude aus Frankfurt (O) jetzt auch am Main bekannt ist. "Die Stadt ist tot" schallt ihr Song lautstark aus den Theater-Boxen. Die Schauspieler Franziska Junge und Christoph Pütthoff singen, grölen mit. Ihr moderierender Schauspieler-Kollege Martin Rentzsch indes versucht erfolgreich, einstige Bewohner der Oder-Stadt, die inzwischen an Main wohnen, ins rechte Licht zu rücken. Laiendarsteller? Nein, Experten, sagt Grebe. Sie - ein Bänker zum Beispiel, eine ehemalige Halbleiterwerkerin, ein Paar, das jahrelang eine Frankfurt-Frankfurt-Fernbeziehung hatte - erzählen anrührende Geschichten. Ihre Auftritte sind leichthändig souverän. Und reich an Aufschluss. Manche bekommen Szenenapplaus.
Der Bänker zog nach dem Mauerfall aus Kassel in den Osten, wo ihn in Frankfurt ein 60 Quadratmeter großes Büro und eine sogenannte Buschzulage erwartete. Die Arroganz seiner Westkollegen gegenüber den ehemaligen DDR-Bürgern habe ihn damals geschockt.
Am Ende können die Premierengäste im Schauspiel Frankfurt/Main eine Reise ins andere Frankfurt - in die Kleiststadt mit den Plattenbauten, wie es heißt - gewinnen. Da will aber keiner hin.