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Videobilder und eine Zeugenaussage belegen, dass er die Polizisten "mit vollem Tempo und mit voller Absicht" überfuhr

Die zweifelhafte Unfalltheorie des Jan G.

Spurensuche: Polizisten am 1. März an jenem Ort, an dem Jan G. zwei Beamte überfahren und getötet hat
Spurensuche: Polizisten am 1. März an jenem Ort, an dem Jan G. zwei Beamte überfahren und getötet hat © Foto: dpa/Patrick Pleul
Mathias Hausding / 21.11.2017, 20:45 Uhr - Aktualisiert 06.12.2017, 16:06
Frankfurt (Oder) (MOZ) Als Jan G. am 28. Februar dieses Jahres in Oegeln auf seiner Flucht die zwei Polizisten überfuhr, lag vermutlich gar kein Nagelgurt auf der Straße. Diesen Schluss legen Videobilder nahe, die am Dienstag während der Verhandlung vor dem Landgericht Frankfurt (Oder) gezeigt wurden. Auf den Aufnahmen der Cockpit-Kamera eines vorbeifahrenden polnischen Lastwagenfahrers ist zu sehen, wie die Polizisten etwa zwei Sekunden vor dem verhängnisvollen Aufprall neben der Fahrbahn stehen und dort jenen Stop-Stick ausklappen, mit dem der Wagen von Jan G. gestoppt werden sollte.

Auf dem Videoband verschwinden die Polizisten dann aus dem Bild und zu sehen ist für eine Sekunde der heranrasende Jan G., bevor er, von der Kamera nicht erfasst, nach rechts zieht und die Beamten erfasst. In seiner Aussage vor Gericht behauptete er, nach rechts gelenkt zu haben, um dem Nagelgurt auszuweichen. Aber ist es den Beamten in den laut Video verbleibenden zwei Sekunden tatsächlich noch gelungen, den Gurt über die Straße zu legen? Und selbst wenn, konnte Jan G. dies in der Kürze der Zeit noch wahrnehmen und darauf bei Tempo 160 wie von ihm angegeben reagieren?

Wahrscheinlicher erscheint es Prozessbeobachtern mit Verweis auf das Video sowie Zeugenaussagen, dass Jan G. auf die Polizisten gezielt zusteuerte und sie tötete, weil sie am Fahrbahnrand mit dem Nagelgurt hantierten, um ihn zu stoppen. Die Frage, warum er vor dem angeblichen Nagelgurt auf der Straße nicht nach links auswich, konnte er im Prozess nicht plausibel beantworten. "Man zieht nicht nach links", hieß es von ihm dazu kategorisch.

Der Verteidiger des Angeklagten hatte der Verwendung des Videos zunächst widersprochen - mit dem Verweis auf den Datenschutz und die Persönlichkeitsrechte des Jan G. Schließlich seien solche "Dashcams" in Deutschland umstritten. Das Gericht entschied jedoch wenig überraschend, dass das Interesse, mit Hilfe der Kamera ein schweres Verbrechen aufzuklären, schwerer wiege als die informationelle Selbstbestimmung des Angeklagten.

Mit eigenen Augen hat indes ein Frankfurter Fahrlehrer den Zusammenstoß gesehen. Der 58-Jährige sagte am Dienstag als Zeuge aus und musste wie viele andere vor ihm, die von jenen schrecklichen Ereignissen in Oegeln zu berichten hatten, immer wieder mit tränenerstickter Stimme innehalten. Der Fahrlehrer war an jenem Tag mit einer Schülerin unterwegs, als er die Polizisten mit dem Nagelgurt sah und ihm dann der Wagen von Jan G. "wie ein Geschoss" entgegen kam. "Mein ganzes Auto hat gewackelt." Im Rückspiegel sah der Fahrlehrer nach eigenen Angaben schließlich, wie Jan G. seinen Wagen nach rechts zog und etwa 100 Meter weiter "mit vollem Tempo und mit voller Absicht" die Polizisten überfuhr. Daran, dass auf der Straße ein Nagelgurt lag, kann sich der Zeuge nicht erinnern. Nach seinen Angaben soll einer der beiden Polizisten noch an sein Waffenholster gegriffen haben, als er das Auto erblickte. "Aber beide Beamten hatten überhaupt keine Zeit, zur Seite zu springen." Ihm sei sofort klar gewesen, dass sie tot sind, sagte der Zeuge. "Ich dachte: Das ist ein Terroranschlag. Bloß weg hier!" Auch seine Fahrschülerin sei "völlig fertig" gewesen.

Am Dienstag kam noch ein Kriminalist zu Wort, der die Mutter von Jan G. nach den Taten vernommen hatte. Niedergeschlagen, aber sehr gefasst habe Leila G. dabei gewirkt. Ihr Ziel sei nicht gewesen, ihren Sohn zu belasten. Aber sie habe während der Vernehmung immer wieder in einem Ordner mit persönlichen Aufzeichnungen und Gerichtspost geblättert und daraus zitiert. "Es ging ihr eher darum, dass man das Geschehene hätte verhindern können, wenn man reagiert hätte", sagte der Beamte.

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