Vor dem Neuruppiner Amtsgericht musste sich Kevin E. verantworten. Der heute 31-Jährige arbeitet bei der Bereitschaftspolizei und gehörte an jenem Tag zu den Beamten, die zwischen den Fronten - zwischen Nazidemo mit rund 120Teilnehmern und etwa 500Gegendemonstranten - standen. "Vom Ruppiner See habe ich nichts gesehen. Ich war bisher nur dienstlich hier", sagte der 31-jährige mit gefasster und ruhiger Stimme. Fast immer wegen Demonstrationen war seine Einheit als Verstärkung in die Fontanstadt beordert worden. Diesmal saß er auf der Anklagebank. Dass ihm von der Staatsanwaltschaft Körperverletzung im Amt vorgeworfen wurde, machte den Vater eines zweieinhalb Monate alten Babys sichtlich betroffen. In der Anklage hieß es, dass der dem Neuruppiner Jürgen Dechsling ohne Grund in die Rippen geboxt haben soll.
Was genau bei dem Einsatz passiert ist, wusste Kevin E. nicht mehr so genau: "Im Einzelnen kann ich mich nicht mehr erinnern. Das liegt sehr lange zurück. Ich kann aber ausschließen, dass ich jemanden ohne Grund geschlagen habe."
Kevin E.s und Jürgen Dechslings Wege kreuzten sich an diesem Tag an der Friedrich-Engels-Straße. E. war schon seit geraumer Zeit im Dienst, Jürgen Dechsling kam gerade vom Schulplatz. "Ich saß dort im Café und sah die Gegendemo über den Markt kommen", so Dechsling.Weil die Demo nicht weiter durch die Karl-Marx-Straße durfte, bog der Zug in die Friedrich-Ebert-Straße. Kurz hinter der nächsten Kreuzung an der Friedrich-Engels-Straße wurden die Demonstranten von der Polizei gestoppt. "Weil ich sowieso gerade nach Hause wollte, bin ich dort auch lang gelaufen", so Dechsling. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich offenbar schon die ersten Demonstranten auf die Straße gesetzt. Mit ihrer Blockade wollten sie die Neonazis daran hindern, durch die Stadt zu marschieren. Dechsling beobachte das Geschehen vom Rand aus und verfolgte mit, wie Polizisten Transporter dicht an den Häuserwänden parkten. "Ich habe dann noch einen Beamten gefragt, ob das hier ein Hamburger Kessel wird", so Dechsling, der von dem umstrittenen Polizeieinsatz 1986 gelesen hatte, bei dem Demonstranten über Stunden festgesetzt wurden. "Das wird etwas, aber nichts schönes", habe er von einem Polizisten zur Antwort erhalten.
Dechsling, der in Neuruppin auch stellvertretender Schiedsmann ist, hat dann von einer Demoteilnehmerin eine Ordner-Binde in die Hand gedrückt bekommen, um notfalls deeskalierend auf das Geschehen einwirken zu können. Doch ehe Dechsling sich versah, war er selbst in den Fokus der Polizei geraten - genauer gesagt, in den von Kevin E. und seinem Kollegen Marian R. Die offizielle Gegendemo war zu diesem Zeitpunkt bereits aufgelöst worden und die Polizei hatte mehrfach angedroht, die Sitzblockade zu räumen. "Ich stand am Rand und dann kamen die beiden auf mich zu", sagte Dechsling, der sich als Ordner zu erkennen gab. Dennoch hätten ihn die Beamten gepackt. Das wollte er nicht. Der Rentner riss sich unter Protest los. "Ich gehe nicht einmal mit meiner Frau Hand in Hand und ich kann es nicht leiden, wenn mich jemand anpackt", so der Neuruppiner. Danach wurde er von den Beamten noch härter angepackt.
Kevin E. und Marian R. hatten an diesen Fall keine konkreten Erinnerungen mehr. Beide sagten übereinstimmend aus, dass es mit der entsprechenden Technik - dem Kipphandhebel, dem Armstreckhebel oder dem Kreuzfesselgriff - üblich ist, Demonstranten abzuführen, um das polizeiliche Ziel zu erreichen.
Das Ziel war in diesem Fall die Räumung der Straße und der Demostrecke. Unmittelbar bevor der heute 68-Jährige in den Kessel geführt wurde, bekam er von Kevin E. noch einen Faustschlag auf den linken Rippenbogen. Kevin E. schloss das aus. Marian R. sagte, dass er nichts gesehen hat. Jürgen Dechsling sagte hingegen aus, dass er noch lautstark in die Menge gerufen hat, dass er gerade geschlagen worden ist. Zeuge Matthias G., der ein bis zwei Meter hinter Dechsling stand, hatte den Schlag sogar gesehen: "Das sah aus wie ein kontrollierter Schlag, der wehtun aber nicht verletzten sollte." Kevin E. hatte in seiner Aussage so etwas als Schockschlag beschrieben, der dazu dient, Widerstand oder Gegenwehr zu brechen. In den Augen von Matthias G. hatte es keinen Grund für einen solchen Hieb gegen Dechsling gegeben, außer "zur Disziplinierung".
Im Kessel, in dem die Personalien der Sitzblockierer festgestellt wurden, schaffte es Dechsling mit seinem Handy, den Polizisten, der ihn geschlagen hatte, zu fotografieren. Nach seiner Meinung müsste es sogar Videos von dem Übergriff geben, weil die Polizei die gesamte Aktion selbst gefilmt hatte. Doch der Filmbeweis sei trotz seiner mehrfachen Nachfragen bis hin zum Polizeipräsidenten Arne Feuring bis heute nicht aufgetaucht.
Die Staatsanwaltschaft hatte nach den Aussagen von drei Zeugen keine Zweifel mehr daran, dass Kevin E. wirklich zugeschlagen hatte. Ein Arzt hatte am Mittwoch nach der Demo auch Hämatome an Dechslings Unterarmen und Brustkorb festgestellt. "Herr Dechsling hat sich nicht permanent zur Wehr gesetzt - außer verbal und dabei hat er nicht gedroht oder ähnliches", sagte der Staatsanwalt in seinem Plädoyer. "In dieser Situation darf ein Polizist nicht in dieser Art zuschlagen", so der Staatsanwalt, der eine Geldstrafe in Höhe von 90 Tagessätzen zu je 50 Euro forderte.
Kevin E.s Verteidiger verlangte Freispruch für seinen Mandanten. Nach seiner Meinung ist nicht erwiesen, dass Kevin E. kurz vor dem Kessel zugeschlagen hat und nicht zuletzte hat auch Marian R., der unmittelbar daneben stand, nichts von einem solchen Übergriff mitbekommen.
Das Gericht folgte der Auffassung der Staatsanwaltschaft. Es hatte keinen Zweifel daran, dass Kevin E. zugeschlagen hat, obwohl Dechsling keinen Widerstand leistete. Für die Körperverletzung im Amt in einem minderschweren Fall wurde Kevin E. zu einer Geldstrafe von 60Tagessätzen zu je 50 Euro verurteilt. Dagegen kann er noch Rechtsmittel einlegen.
Gegen Jürgen Dechsling und rund 380Gegendemonstranten hatte die Staatsanwaltschaft damals auch wegen Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte ermittelt. Sein Verfahren war wegen Geringfügigkeit eingestellt worden. Die Auflösung der Sitzblockade hatte anschließend nicht nur die Justiz, sondern auch die Landespolitik beschäftigt. Brandenburgs damaliger Innenminister und heutiger Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) hatte im Innenausschuss Fehler beim Polizeieinsatz eingeräumt. Die Auflösung Blockade bezeichnete er damals als rechtmäßig und geboten. Allerdings habe es Fehler bei Kommunikation, Logistik, der langen Dauer der Identitätsfeststellung und der Versorgung der Teilnehmer gegeben.