Die ersten der insgesamt 187 Häuser, die der Projektentwickler Bonava in drei Bauabschnitten auf dem  7,5 Hektar großen Gelände am Aderluch bis 2025 in Oranienburg errichtet, sollen schon im September an ihre Eigentümer übergeben werden. Der provisorische Ausbau der ersten Straßen im nördlichen Abschnitt steht an, während die hitzige Debatte um deren Namen noch weiter anhält.
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Komunalpolitiker stehen "als Deppen" dar

"Ich gehe davon aus, dass der Beschluss der Stadtverordnetenversammlung Bestand hat und nicht mehr geändert wird", sagt der Vorsitzende des Stadtparlaments, Dirk Blettermann (SPD). Die Entscheidung sei am 22. Juni mit Zwei-Drittel-Mehrheit gefallen und aus den Fraktionen, die hinter dem Beschluss stehen, sei ihm keine Bereitschaft auf Änderung signalisiert worden.
"Ich bin allerdings erschüttert darüber, dass in der hitzigen Debatte über die beschlossenen Straßennamen vieles verdreht wird und heftige Vorwürfe erhoben werden,  um damit die Oranienburger Kommunalpolitiker quasi ,als Deppen’ hinzustellen", ärgert sich Blettermann. "Das ist einfach nur traurig, weil es mit den Fakten und der Realität nicht übereinstimmt", sagt er.
So hätten die Verantwortlichen in der Stadt bei dem sensiblen Thema sehr wohl mit der Gedenkstätte in Kontakt gestanden. Es könne keine Rede davon sein, dass nicht miteinander kommuniziert wurde, unterstreicht Blettermann, der auch Vorsitzender der Straßenbenennungskommission ist.
Eine Prämisse der Kommission, in der alle Fraktionen vertreten sind, sei es gewesen, Namen von Frauen vorzuschlagen, die sich für die Stadt und ihre Menschen engagiert haben. Zum anderen sollte wegen der Nähe des Plan-Gebietes zur Gedenkstätte Sachsenhausen auch an die Leidenswege von im Zweiten Weltkrieg verfolgten Frauen in Oranienburg erinnert werden. Dass das Gelände am Aderluch aber das Außenkommando "Zeppelin" des KZ-Sachsenhausen war, in dem zirka 700 Häftlinge Zwangsarbeit leisten mussten, war der Kommission offenbar nicht bekannt oder es spielte keine Rolle für sie.
Jedenfalls hatte die "Arbeitsgemeinschaft Lager Sachsenhausen 1945 bis 1950" bereits im März 2018 die Benennung einer Straße am Aderluch nach ihrer Mitgründerin Gisela Gneist vorgeschlagen. Im Februar 2019 hat die Stadt die Gedenkstätte darüber informiert und um eine Einschätzung gebeten. Eine nähere Stellungsnahme dazu gab es aber offensichtlich nicht. Denn die Gedenkstätte schickte der Stadt im Mai nur eine Liste mit Namen von sieben Männern und einer Frau, die im KZ Sachsenhausen inhaftiert und dort auch umgekommen waren. Einen konkreten Bezug zum Außenkommando "Zeppelin" hatte keiner der Namen. Der einzige Frauenname, nämlich Rosa Broghammer, fand auch Aufnahme in die städtische Vorschlagsliste.
Die Straßenbenennungskommission bat voriges Jahr schließlich Oranienburgs Gleichstellungsbeauftragte Christiane Bonk um Hilfe. "Wir sind Frau Bonk ausgesprochen dankbar, denn sie hat 15 Biografien verdienter Frauen oder von Frauen mit Leidenswegen in Bezug zu Oranienburg gut recherchiert und uns vorgelegt", sagt Blettermann.
Darüber sei in der Kommission durchaus kontrovers und leidenschaftlich diskutiert worden. Erst in der zweiten Kommissionssitzung im Dezember sei das gemeinsam erarbeitete Konzept einstimmig gebilligt und später vom Hauptausschuss so auch befürwortet worden. Um an 100 Jahre Frauenwahlrecht zu erinnern, wurden die drei ersten weiblichen Oranienburger Stadtverordneten ausgewählt (Ida Ihle, Marie Bieber, Elise Zorn). Mit drei weiteren Namen soll an politisch verfolgte Frauen und deren Schicksal erinnert werden (Rosa Broghammer, Galina Romanowa, Gisela Gneist).  Schließlich wird eine Straße der früheren Bürgermeisterin Hildegard Busse sowie eine der Pferdeomnisbuskutscherin Jette Bath gewidmet.

Gedenkstättenstiftung reagiert spät

"Diese Liste mit den acht Frauennamen habe ich am 23. Dezember der Gedenkstätte übermittelt", sagt Blettermann.  Aber erst im April habe das Internationale Sachsenhausen Komitee (ISK) erstmals Bedenken vorgetragen und gebeten, über die Namen gemeinsam mit der Gedenkstättenstiftung nochmals zu beraten. "Da hatte unser Vorschlag aber schon die einhellige Zustimmung im Hauptausschuss gefunden", bemerkt Blettermann und hätte sich eine schnellere Reaktion der Gedenkstättenstiftung gewünscht.
Dennoch habe der Bürgermeister gebeten, in einer weiteren Sitzung der Straßenbenennungskommission gemeinsam mit Stiftungsdirektor Dr. Axel Drecoll und ISK-Vizepräsident Andreas Meyer über die Liste zu beraten. "Auch das haben wir getan und am 4. Juni unsere Position dargelegt", sagt Blettermann. Die Vertreter aller Fraktionen, bis auf die Linke, hätten den hart erarbeiteten Konsens verteidigt.

Gleichsetzung und Vermischung der Geschichte?

Dr. Drecoll und Meyer hätten dabei zu bedenken gegeben, eine Straßenbenennung, die sowohl Opfer des NS-Terrors als auch Opfer des Stalinismus berücksichtige, könne als Gleichsetzung des Unrechts beider Systeme verstanden werden. Denn die Vorschläge würden die Einmaligkeit des historischen Ortes und das Leiden der Opfer stark in den Hintergrund treten lassen. Eine Gleichsetzung und Vermischung der zweifachen Geschichte von Sachsenhausen dürfe es aber nicht geben. Allerdings sei es allein Sache des demokratischen Gremiums Stadtverordnetenversammlung, darüber zu befinden. Das Votum sei dann zu akzeptieren, habe der Stiftungsdirektor unterstrichen, erinnert sich Blettermann.
Offenbar sei es aber nicht gelungen, alle Beteiligen, insbesondere die Gedenkstätte und das ISK frühzeitig in die Kommunikation einzubeziehen, schreibt der Stadtverordnete Thomas Ney (FWO/Piraten) in seinem Blog zum Aderluch. Denn nur so hätte die gegenwärtige Eskalation, bei der alle nur verlören, vermieden werden können. "Hier müssen Verwaltung, aber auch Gedenkstätte und nicht zuletzt die Stadtverordneten besser werden", so der Appell von Thomas Ney. Bedauerlich wäre es, wenn die Frage der Straßenbenennung für politische Grabenkämpfe genutzt werde, gibt Ney zu bedenken. "Grabenkämpfe aber sollten wir unbedingt vermeiden", findet auch Dirk Blettermann.

Beschlossene Straßennamen:


Hildegard-Busse-Straße(Planstraße A)

Ida-Ihle-Straße(Planstraße B)

Marie-Bieber-Straße(Planstraße C)

Elise-Zorn-Straße(Planstraße D)

Galina-Romanowa-Straße(Planstraße E)

Rosa-Broghammer-Straße(Planstraße F)

Gisela-Gneist-Straße(Planstraße G)

Jette-Bath-Straße(Planstraße I) bren