Kann man den Herbst mit Worten riechen und erspüren? Kann man die Liebe neu beschreiben, obwohl sie Dichter schon seit Hunderten von Jahren poesievoll bedichten? Kann man die Tragödie vom 11. September 2001 in New York in Worte fassen? Kann ein Totengräber Menschen zum Lachen bringen? 25 uckermärkische Autoren traten Freitagnacht den Versuch an, genau das zu beweisen und die Zuhörer fast fünf Stunden lang lesend zu fesseln.
Das Experiment ist gelungen. Die erste lange Lesenacht der Uckermärkischen Literaturgesellschaft wurde zu einer neuen, unterhaltsamen, kurzweiligen und mitunter überraschenden Begegnung mit Literatur und Hobbyautoren, die hier teils ebenso zum ersten Mal eine große öffentliche Bühne fanden. In den Uckermärkischen Bühnen verwandelten sich das Intime Theater, der kleine Saal und das Foyer in Hör-Säle und Lesebühnen. Zeitgleich lasen in den verschiedenen Räumen jeweils drei bis vier Autoren am Stück Gedichte, Geschichten, Reportagen und Romanausschnitte. Die Zuhörer konnten zwischen den Räumen wandern und aus der Vielfalt der Leseangebote und Autoren auswählen, wem sie zuhören, wen sie aus nächster Nähe kennenlernen wollen. Viele der Autoren sind Mitglieder der Uckermärkischen Literaturgesellschaft, die sich mit dieser gewagten und anspruchsvollen Veranstaltung selbst ein Geschenk zum 20. Geburtstag machte. Unter den Lesenden waren bekannte Namen, wie die Angermünder Lyrikerin Gerlind Mittelstädt, die im sympathisch lockeren Duett mit René Schmidt aus Schwedt einfühlsame und sehr pointierte Gedichte vortrug. Der Schwedter Weltenbummler Manfred Lange las Auszüge aus Reiseepisoden ans Ende der Welt, das für ihn mal in Laos, mal in Ecuador, Neuseeland oder Südafrika lag. Willi Grünberg aus Berkholz hatte sich durch die begrenzte Lesezeit von 15 Minuten je Autor für einen Ausschnitt aus seinem Roman "Rechtlos" entschieden, der ein Jahr seiner Kindheit zwischen in Stettin 1945 und 1946 erzählt. Roberto Fiedler aus Schwedt stellte eine sehr beklemmende Reflexion seiner Eindrücke vom 11. September 2001 vor, den er selbst in New York erlebt hatte. Auch noch relativ unbekannte Gesichter mit neuen literarischen Tönen waren auf den Lesebühnen zu erleben. Heinrich Jordan aus Prenzlau ließ Nachdenkliches über die Suche nach dem wahren Glück hören, teils sehr wirkungsvoll untermalt mit Musik. Matthias Poller aus Wallmow offenbarte mit seiner Erzählung vom Totengräber sein komisches Talent und seine Lust auf hintersinnige, augenzwinkernde Küchenphilosophie. Und Heike Schmidt, Chefdramaturgin der Ubs., wagte sich zum ersten Mal selbst mit eigenen Gedichten ins Rampenlicht. Schließlich gaben zu später Stunde Andrea Beutel und Rainer Pick, ein bewährtes Lesepaar, erotische Geschichten preis.
Zwischen den etwa 30- bis 40-minütigen Leseblöcken luden Pausen im Foyer bei Wein, Bier oder Saft zu Gesprächen über das Gehörte ein. Gitarrenmusik von Eric und Uwe Schwanebeck, satirische Texte der "Sodbrenner" aus der Feder von Lorenz Vögel und Ortwin Bader-Iskraut sowie die unaufdringlich, lockere Moderation von Rochus Stordeur dosierten den Lesemarathon in wohl bekömmliche, immer wieder Appetit machende Häppchen.