Was hat Berlin, was Schwedt nicht hat? Kann auch Schwedt cool werden, damit junge Leute, oder aktuell junge Fachkräfte für die Kinderklinik, gerne hier leben? Ein Berliner Team will es versuchen.
"Als die jungen Leute mir einen Kiesberg vors Rathaus kippten, weil ich mich nicht genug um die Jugendarbeit kümmere, war das ein eindeutiges Alarmzeichen", sagt Bürgermeister Jürgen Polzehl. "Wir haben den Punkt bisher vielleicht einfach nicht getroffen", gibt er zu. Deshalb geht die Stadt jetzt einen ungewöhnlichen Weg. Sie holt ein Berliner Kreativ-Team nach Schwedt. Sie sollen mit dem Blick von außen auf die Stadt schauen, sollen begeisternde Angebote schaffen, sodass auch Schwedter Arbeitgeber cool aussehen.
Mit dabei ist der Gründer des Berliner Klubs "Tresor", auch Direktor vom Kraftwerk Berlin, Dimitri Hegemann, der vor Ideen sprudelt. "Warum gehen denn die jungen Leute?", fragt er energisch. "Ich bin selbst als Jugendlicher aus Westfalen weg. Bei mir war es, weil ich einfach zu viel ,Nein' hörte." Dann, in Berlin, erzählt er, kamen Anfang der 90er-Jahre die Jugendlichen zusammen und bauten ganz alleine, ohne Hilfe, einfach ihre eigene Subkultur auf, die dann ein riesiger Anziehungspunkt wurde. "Die Hälfte der Berlin-Besucher mit ihren 20 Millionen Übernachtungen pro Jahr kommt laut Studien inzwischen wegen des alternativen Programms in die Stadt", so Dimitri Hegemann. Ein enormer Wirtschaftsfaktor sei das inzwischen.
Zuerst wird das Team zu den Jugendlichen gehen und nach Schwedts Image fragen, nach dem, was man besser machen kann. Dann sollen Freiräume für die Jugend geschaffen werden. In einem "Schwedt Lab", einem Schwedt-Labor, sollen Ideen ausprobiert werden. "Es soll vorher Unmögliches gedacht und gemacht werden", so Sally Below von der Agentur "cultural affairs". Ein Gebäude am Wasser, möglichst eine verfallene Ruine - das wäre ein Ort für so etwas, träumt Dimitri Hegemann. Noch schaut sich das Team nach einem solchen Platz um.
Die Berliner verstehen sich nicht als klassische Jugendarbeiter, es gibt von ihnen keine Vorgaben. Sie wollen nur die Kreativität der Jugendlichen unterstützen. "Du musst den jungen Leuten das Gefühl geben, du bist gut, du kannst den Karren hier selbst aus dem Dreck ziehen", so Hegemann. Auch der "Tresor" war zu Anfang nichts weiter als eine Ruine. Oder Edinburgh nichts als eine schottische Stadt, zu deren Edinburgh Festival inzwischen jedes Jahr zwei Millionen Menschen anreisen.
Was dabei in Schwedt herauskommen kann, da hat der Tresor-Gründer viele Träume. Potenzial gebe es hier genug, das sehe man alleine daran, dass einige der DJs, die im Tresor auflegen, Schwedter seien, so Hegemann. Er kann sich ein Konzert der Gruppe "Seed" vorstellen oder ein internationales Festival. Irgendetwas, das langfristig über die Grenzen Schwedts ausstrahlt, "das neben den Uckermärkischen Bühnen eine eigene Strahlkraft entwickelt, wo Leute hinwollen", so Sally Below.
Das Projekt "Sag Ja zu Schwedt", stellen sie sich vor, soll Vorreiter für andere Kleinstädte werden, die alle unter der Abwanderung ihrer Jugend leiden. Finanziert wird es aus Mitteln des Regionalbudgets zur Verbesserung der Wirtschaftsstruktur.