Als sich im August 2013 in Hennickendorf die Bürgerinitiative Gesund leben am Stienitzsee (BI) gründete, wurde sie zunächst belächelt. Zuzügler, hieß es hinter der Hand, die ihre privaten Interessen verfolgen, begehren auf. Gegen die seit Langem schon ansässige Industrie von Cemex bis Vattenfall. Letzteres Unternehmen hatte einen tiefgreifenden Erweiterungsantrag u. a. bezüglich der Stoffe, die in der Anlage verbrannt werden dürfen, gestellt.
Doch, die BI hat sich gemausert. Zu einer ernstzunehmenden Lobby für die Menschen, die im Rüdersdorfer Industriegebiet leben. Für alle - BI und Politik - begann eine Zeit des Lernens. Dass es eben nicht darum geht, die Industrieanlagen platt zu machen. Sondern die Unternehmen u. a. dazu zu bringen, die bestverfügbare Technik zur Luftreinhaltung einzubauen. Anerkennung gab es für die Bürgerinitiative spätestens bei der mehrtägigen Anhörung zu den Vattenfall-Plänen ab 1. April vergangenen Jahres im Kulturhaus.
Denn nicht ein aufgebrachter Haufen empörter Bürger stand da, sondern Experten, die nachfragten, nachbohrten. Und unter anderem forderten, auch mit Hilfe von 1100 Unterschriften, dass ein Messcontainer für die Luftgüte aufgestellt wird. Sie bekamen dafür auch die Unterstützung des Bürgermeisters, der Verwaltung und der Gemeindevertreter. Letztere gaben grünes Licht, ein humantoxikologisches Gutachten in Auftrag zu geben.
Vor wenigen Tagen wurde nun der Messcontainer des Landesamtes für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz (LUGV) in Herzfelde aufgestellt. Er prüfte bisher die Luft in Premnitz. Die Gemeinde hat sich in enger Abstimmung mit den Bürgern, die sich in Vereinen und Bürgerinitiativen für die Luftreinhaltung stark machen für den Standort der höchsten Gesamtbelastung entschieden.
Nachweislich ist dies der Abschnitt zwischen Apotheke und Marktplatz. Zu den Belastungen durch Hausbrand, die Ferneinträge, die vor allem der Ostwind aus den Industriegebieten in Polen und weiter östlich mitbringt und die Staub- und Schadstoffemissionen der örtlichen Industrie kommt hier noch die Belastung durch den Verkehr hinzu. Wenn sich herausstellt, dass an mehr als 35 Tagen im Jahr die Feinstaubbelastung über dem Grenzwert liegt (einzuhalten ist ein Tagesmittelwert für Feinstaub PM10 von unter 50 µg/m³), ist das Land Brandenburg in der Verantwortung, die Kosten für Messungen und einen Luftreinhalteplan zu übernehmen sowie Gegenmaßnahmen in die Wege zu leiten. Eine ist die Umgehungsstraße, die 2016 eingeweiht werden soll und mit Sicherheit Herzfelde Entlastung bringen wird. Wie viel, das lässt sich dann nachweisen.
Die Messgeräte erfassen u. a. Schwermetalle wie Quecksilber, Kadmium, Arsen sowie Feinstaub. Gemessen wird Calcium, das Auskunft darüber gibt, wie viel Staub in der Luft direkt dem lokal aufgewirbelten Kalk zuzuordnen ist. Zudem wurden an vier Orten Gläser aufgestellt, die den Staubniederschlag auffangen. Auch dieser wird analysiert und gibt Auskunft über die Luftqualität in Herzfelde, Hennickendorf und am Rüdersdorfer Krankenhaus. Auf der Internetseite der Gemeinde werden die Ergebnisse veröffentlicht. Hier finden Interessierte auch das bereits erwähnte humantoxikologische Gutachten. Der Container wurde vom Land Brandenburg kostenfrei zur Verfügung gestellt. Die Analysekosten aber soll Rüdersdorf alleine tragen. Das Landeslabor veranschlagt dafür knapp 30 000 Euro. Geld, das im knappen Haushalt als freiwillige Leistung zusätzlich zu den vielen Pflichtaufgaben aufgebracht werden muss. Die Rüdersdorfer werden deshalb das Gespräch mit Minister Jörg Vogelsänger suchen und ihn zur Einweihung einladen. Dann, so heißt es aus der Gemeindeverwaltung, bleibt zu hoffen, dass er eine anteilige Finanzierungszusage im Gepäck haben wird.