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Ellen Werner 03.12.2016 06:48 Uhr
Red. Eberswalde, eberswalde-red@moz.de

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Wo die Dichter schwitzen

Joachimsthal (MOZ) Wenn die Tage kälter werden, spenden sie wohlige Wärme: In unserer Serie "Advent am Ofen" stellen wir in jeder Ausgabe ein Exemplar vor und zeigen, wer ihn befeuert. Diesmal: der Lehmgrundofen, mit dem Gisbert Amm sein Lyrikhaus in Joachimsthal beheizt.

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Wohltuende Wärme: Lyrikhaus-Begründer Gisbert Amm und Tochter Marlies machen es sich gern am Lehmofen bequem.

© MOZ/Ellen Werner

"Bitte nur ohne Schuhe beklettern." Das Schild mit den höflichen Lettern, das an der warmen Wand hängt, hat seine volle Berechtigung. Allzu magisch ist die Anziehungskraft des weiß getünchten Lehmofens. Stufen, Ecken, Vorsprünge, eine Sitzbank mit Kissen - der Ofen lädt zum Klettern, Anlehnen, Lümmeln ein.

Wenn man wie Marlies noch nicht ausgewachsen ist, auch zum Liegen. Aber die Tochter von Lyrikhaus-Begründer Gisbert Amm lässt lieber die Beine baumeln; da, wo der Ofen am höchsten ist. "Hier überm Nichts ist mein Lieblingsplatz", sagt sie.

Und das gilt nicht nur für die kalte Jahreszeit, in der diese unglaublich wohlige Wärme von ihm ausgeht. "Im Sommer", erklärt Marlies auch, "ist er ein kalter Felsen". Dann nämlich ist der Wohlfühleffekt genau umgekehrt. Ist es draußen heiß, wird das Lehmbauwerk zum angenehm kühlen Rückzugsort.

Sollte es Zufall sein, dass schon die Zehnjährige so poetische Worte für den besonderen Ofen findet, dann ein sehr passender. Nicht nur als Wärmespender und Blickfang, sondern auch als Ort, an dem die Poesie eine Bühne bekommt, ist er das Kernstück des Hauses. "Hier haben schon einige Lyriker gesessen - und zum Teil geschwitzt", sagt Gisbert Amm.

Im Mai hatte der Dichter, Computerfachmann und Theaterwissenschaftler das Lyrikhaus eröffnet. Die Wärmequelle hatte schon früher Premiere. "Silvester 2014 haben wir angeheizt", erzählt Amm. Ein feierlicher Moment - mit mehreren Leuten hatte er tagelang daran gebaut.

Während sich der 51-Jährige mit dem auf Dichtung spezialisierten Buchladen, Antiquariat und Lesecafé als Lyrikliebhaber einen Traum erfüllt hat, verkörpert der Ofen wie das Gebäude seine ästhetischen und ökologischen Ansprüche als Bauherr. Das knapp 140 Jahre alte Fachwerkhaus, das als Herberge, Kurzwarengeschäft, Friseursalon und zuletzt Schuhladen diente, hat der gebürtige Thüringer komplett in Lehmbauweise saniert.

Das Wärmekonzept spielte dabei eine große Rolle. Die dicken Wände, innen mit Hanf, außen mit Stroh gedämmt, halten die Wärme lange im Raum. Dank der Heizflächen an der Decke verteilt sich die warme Luft gut. Die warmen Lehmfarbtöne und die gerundeten Ecken und Kanten verstärken das Wohlgefühl.

Gebaut hat Gisbert Amm mit einer Lehmbaufirma, Freunden und zuweilen mit Seminarteilnehmern, die sich in den Bautechniken schulten. Nur so war auch die Arbeit am Ofen zu bewerkstelligen. "Er besteht aus ungefähr acht Tonnen Material", berichtet Amm. Der größte Teil davon ist recycelt, zum Beispiel aus alten Ziegelsteinen. Die Sitzbank ist aus Biberschwanz-Dachziegeln gebaut.

Geheizt wird von der nebenan gelegenen Küche aus. "Ich haue bis zu 30 Kilogramm Holz rein für einen Durchgang", sagt der Wahljoachimsthaler. Gerade mal eine und eine viertel Stunde dauert es, bis es durchgebrannt und die Wärme für ein bis zwei Tage erzeugt ist. "Dabei wird es bis zu 1000 Grad heiß." Weil das Holz auf dem Grund des Feuerraums abbrennt - daher der Begriff Grundofen - muss er die Asche nur alle paar Monate rausbringen.

Hier lang und dort entlang leiten die insgesamt 17 Meter langen Keramikschächte den Rauch bis zum Schornstein. So heizt der Lehmofen die gesamte untere Etage und auch das Wasser in der Glockenstraße 23. Im Nachbarraum vom Lesecafé kann man sich in eine warme Nische setzen. "So etwas hatte man zur Renaissance in den Hauseingängen der Patrizierhäuser", weiß Gisbert Amm zu berichten.

Wie das alles funktioniert, erklärt er gern auch Besuchern. "Neulich war ein Joachimsthaler Paar hier, speziell um den Ofen anzusehen", freut er sich. Die meisten kommen natürlich der Lyrik wegen. Das Interesse daran sei groß. "Und es sind auch sehr interessante Menschen, die gekommen sind", kann Amm nach der ersten Saison sagen.

Viele kleinere Verlage haben ihm ihr Programm in Kommission gegeben. Inzwischen sind es um die 20. "Es sind bestimmt schon 1000 neue Bücher, die hier herumliegen." An den Bänden vom hochroth-Verlag habe er sogar schon mitgewirkt. "Die machen ihre Bücher in der Küche", erzählt der Poesiebegeisterte. Was sich verkauft, ist für ihn hochspannend. "Es ist absolut unvorhersehbar, was die Leute hier entdecken."

Dass er selbst auch Gedichte schreibt, weiß man seit der Eröffnung des Lyrikhauses, zu der er seinen Debütband vorstellte. Verse am oder über den Ofen hat Gisbert Amm noch nicht festgehalten. Wenn er vorn am Schreibtisch dichtet, hat er die begehbare Lehmskulptur aber im Blick. "Und ich sitze öfter mal am Ofen und lese, zum Beispiel die Gedichtbände derer, die hier auftreten."

Die drei Poeten, die am Samstagabend am Ofen lesen und vielleicht auch schwitzen werden, haben sich selbst über Facebook bei ihm gemeldet. "Sie sind so begeistert von der Idee des Hauses, dass sie uns unterstützen wollen", sagt Gisbert Amm. "Diese Szene ist so breit gefächert. Und ich habe all die Bücher hier und die Leute kommen auch noch her zum Lesen - also für mich ist der Traum schon in Erfüllung gegangen. Ich will ihn natürlich teilen."

Christoph Georg Rohrbach (geb. 1992), Dirk Uwe Hansen (geb.1963), beide aus Greifswald, und Georg Leß (Berlin, geb. 1981) sind am heutigen Sonnabend, 19 Uhr, zu Gast im Lyrikhaus.

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