Herr Nordbruch, was ist eigentlich für Sie der Islam?
Als nichtreligiöser Mensch habe ich da einen wissenschaftlichen Zugang. In der Islamwissenschaft hat sich in den letzten Jahren die Erkenntnis durchgesetzt, dass der Islam zunächst einmal das ist, was die Muslime daraus machen. Es ist also letztlich eine sehr persönliche Angelegenheit.
Aber gibt es nicht Pflichten, wie Beten, Fasten, Pilgerfahrt, die für alle Muslime gelten?
Im Prinzip ja. Aber diese Pflichten werden im Alltag ganz unterschiedlich gelebt und interpretiert. Der Islam wird auch überall anders gelebt, man denke nur an Muslime in Gambia oder in der Türkei. Das stechen die Unterschiede schnell ins Auge. Auch der religiöse Alltag von zwei benachbarten Muslimen ist nie identisch. Und deswegen ist es für unsere Arbeit auch nicht besonders interessant, irgendwelche Definitionen abzugeben. Viel wichtiger ist, wie die Menschen die Religion für sich interpretieren und welche Folgen das für ihr Selbstverständnis in der Gesellschaft hat.
Umfragen zufolge verbinden 80 Prozent der Deutschen mit dem Islam Frauenfeindlichkeit, Intoleranz und Gewalt. 50 Prozent der Deutschen fühlen sich vom Islam bedroht. In Ostdeutschland ist der Anteil noch höher. Jetzt kommen die Bilder von Glaubenskriegern aus Syrien und dem Irak dazu. Ist denn das negative das Bild, das die Deutschen vom Islam haben so falsch?
Es gibt nicht das eine Islambild. Auch nicht unter nichtmuslimischen Deutschen. Aber ja, Klischees und Vorurteile sind verbreitet. In Deutschland leben vier bis fünf Millionen Muslime, die, wie es ein Bundespräsident zu Recht gesagt hat, zu Deutschland gehören. Und gottlob wird das Bild von den Muslimen nicht nur von fundamentalistischen Dschihadisten geprägt. Mittlerweile sehen wir Fernsehmoderatoren, Politiker und Professoren mit muslimischem Hintergrund. Im Außenministerium ist eine bekennende Muslimin Pressesprecherin…
Aber auf der anderen Seite haben wir die Sarrazin-Thesen, etliche islamfeindliche Parteien und Internetplattformen und auch einige Wissenschaftler, die dem Islam eine ihm innewohnende Menschenfeindlichkeit unterstellen. Der Politologe Hamed Abdel-Samad spricht sogar vom „islamischen Faschismus“.
Die Thesen von Abdel-Samad halte ich für unsinnig. Er suggeriert, dass man das, was er als faschistisch bezeichnet aus dem Koran und anderen heiligen Schriften ableiten könne. Mit einem solchen Herangehen kann ich auch andere Religionen angreifen. Aber natürlich ist es ein Problem, dass der Islam heute oft mit Gewalt und Terror in Verbindung gebracht wird. Aber man darf den Islamnicht aufdie fundamentalistischsten Interpretationen reduzieren.
Der Verfassungsschutz spricht von einer gewaltbereiten islamistischen Szene in Deutschland.
Ja, die gibt es. Aber sie klein. Die meisten Gewalttaten hierzulande werden nach wie vor von Rechtsradikalen verübt. Und die 320 Deutschen, die aus Syrien zurückkehren könnten, stellen natürlich eine potenzielle Gefahr dar. Aber man darf dabei nicht das Gesamtbild aus dem Blick verlieren. 99 Prozent der hier lebenden Muslime sind friedliche Bürger, die immer nochzu selten in den Medien ein Gesicht bekommen.
Zu den neueren Erscheinungsformen des Islam in Deutschland gehört der Pop-Islam. Was ist das eigentlich?
Der Begriff ist problematisch. Er wird verwendet, um ein relativ neues Phänomen unter jungen Muslimen zu beschreiben, aber muslimische Jugendliche würden den Begriff selbst nicht verwenden. Worum es geht, sind Jugendliche, die sich von den etablierten islamischen Verbänden abgrenzen und sagen: Wir sind jung, deutsch und muslimisch – und in diesem Sinne auch durchaus hipp und poppig im Auftreten. Es geht also um eine Abkehr von den religiösen Praktiken der Eltern und gleichzeitig um den Wunsch,dass der Islam als Bestandteil der deutschen Gesellschaft anerkannt wird.
Wie drückt sich denn diese Veränderung im Alltag aus?
Es gibt beispielsweise ein Mode-Label mit dem Namen „Style Islam“. Für den Macher dieses Labels war der Ausgangspunkt die Debatte um die Mohammed-Karikaturen, bei der ja herauskam, dass für viele hierzulande Muslime potenzielle Terroristen sind. Dem wollte er etwas entgegensetzen. Auf der einen Seite das Bekenntnis: Ja, ich bin Muslim – und ich gehöre dazu. Andererseits: Ich erfinde Mode und baue keine Bomben.
Auch die Videos der radikalen Islamisten haben eine gewisse Popästhetik. Lange Haare, Bärte und Sprüche über Gerechtigkeit. Teilweise wirken die Filme bestimmten Computerspielen ähnlich. Wirkt das unter Umständen auch auf ganz normale Jungendliche faszinierend.
Ja, das lässt sich tatsächlich beobachten. Die Videos sind ja auch absichtlich so gemacht worden. Wenn wir in die Schulen gehen, dann bekommen wir das ganz gut mit. Nicht, dass die meisten heiß auf Gewalt sind. Aber die Ästhetik spricht viele an und vor allem der Gerechtigkeitsgedanke. „Wir kämpfen gegen den Diktator Assad“ oder gegen den „korrupten Unterdrücker Maliki“, und darüberhinaus natürlich gegen den „islamfeindlichen Westen“ – das zündet erst einmal bei vielen Jugendlichen. Es läuft zum Beispiel gerade hier in Deutschland eine Kampagne zur Unterstützung der ISIS. Da malen 14jährige Mädchen Botschaften und lassen sich fotografieren. In Hamburg, Berlin oder Köln. Das ist schon erschreckend.
Gibt es denn auch Aktionen gegen islamisch motivierte Gewalt?
Ja. Alljährlich demonstrieren zum Beispiel in Berlin junge Muslime am 11.September gegen religiösen Fanatismus und gegen Terrorismus. Und sie machen das ganz bewußt, um Zeichen zu setzen. Gegenüber Muslimen, aber auch gegenüber Nichtmuslimen.
Das Bild des Islam in Deutschland wird derzeit sehr stark von den Salafisten um Pierre Vogel geprägt. Sind die Salafisten gefährlich?
Ich sehe sie als ein großes Problem. Man darf die Salafisten aber nicht in erster Linie als ein Sicherheitsrisiko betrachten. Es gibt ungefähr 6000 Salafisten in Deutschland, von denen nur eine kleine Minderheit gewaltbereit ist. Aber Pierre Vogel und Co. dringen in die Köpfe vieler junger Menschen ein. Durch gezielte Werbung vor Schulen aber vor allem über das Internet. Wer im Internet Antworten auf Fragen sucht, ob etwa ein Kinobesuch oder die Teilnahme an Wahlen mit dem Islam vereinbar sind, der wird fast nur auf Antworten von Salafisten stoßen.
Womit beeindruckt Pierre Vogel denn so? Wer ein Video von ihm sieht, könnte ihn durchaus lächerlich finden.
Die meisten sind auch eher abgestoßen. Aber gar nicht so wenige fühlen sich von den zwar schlichten, aber eben ganz klaren Botschaften angezogen. Junge Menschen, die nach Orientierung suchen, bekommen hier einfache und verständliche Antworten auf ihre Fragen. Alles ist entweder gut oder böse. Sunniten gut, Schiiten schlecht. Homosexualität schlecht, Jungfrau vor der Ehe gut. Gleichzeitig kann man mit einer Zugehörigkeit zu den Salafisten die Mehrheitsgesellschaft und möglicherweise auch die Eltern provozieren. Unter anderen Umständen wäre mancher junger Salafist Punker geworden.
Sind die Salafisten diejenigen, die junge Menschen derart radikalisieren, dass sie in den Kampf nach Syrien ziehen?
Ja und nein. Pierre Vogel sagt nie etwas strafrechtlich Relevantes. Vogel sagt stattdessen: Frau Merkel, wenn Sie etwas gegen die Jugendgewalt unternehmen wollen, dann führen Sie die Scharia mit Körperstrafen ein. Aber da wird nicht gesagt: Das nehmen wir jetzt selbst in die Hand und regeln das. Aber die Botschaft steckt drin. Für den Dschihad als gewaltsamen Kampf zu werben ist zum Beispiel für Vogel auch nicht an sich falsch, sondern nur deshalb zu unterlassen, weil es derzeit der Bewegung schadet. Aber wenn ich die Schiiten zu Abtrünnigen erkläre, muss ich nicht mehr explizit zur Gewalt aufrufen.
Ihr Verein ufuq kümmert sich vor allem um Jugendliche. Sie wollen mit ihnen über Religion ins Gespräch kommen. Was halten denn die Lehrer davon?
Das ist unterschiedlich. In Berlin haben zum Beispiel viele Lehrer Vorbehalte, Religion im Unterricht großen Raum zu geben. Viele sind unsicher, wenn sie von ihren Schülern plötzlich nach Gott und der Religion gefragt werden. Wir sehen aber, dass die Schülerschaft sich verändert hat. Religion spielt eine größere Rolle als früher. Nicht nur bei Muslimen. Das muss man ernst nehmen und auch im Unterricht aufgreifen.
Haben Lehrer auch Vorurteile?
Klar. Es gibt gar nicht so wenige, die sich zum Beispiel über kopftuchtragende Mädchen lustig machen. Da sind Lehrer nicht anders als die Gesellschaft an sich. Aber das ist natürlich ein Problem, wenn man muslimischen Schülern arbeitet.
Wann sind denn die Workshops, die Ihr Verein in den Schulen durchführt erfolgreich und wann nicht?
Erfolgreich sind wir, wenn nach ein paar Wochen der Anruf eines Lehrers kommt und uns sagt, die Jugendlichen können jetzt viel entspannter und konstruktiver über Religion reden. Das passiert regelmäßig. Aber wir hatten auch den Fall, dass ein Lehrer uns gesagt hat, nun spräche seine Klasse plötzlich über Gott, obwohl das vorher kein Thema war. Das ist natürlich ein Problem, denn wir wollen Religion ja nur da aufgreifen, wo sicher Jugendliche schon damit beschäftigen. Uns geht es nicht darum, sie an die Religion heranzuführen. Hier sehen wir unsere Aufgabe darin zu klären, ob unsere Angebote überhaupt für die jeweilige Gruppe relevant sind.
Was wollen Sie denn mit den Religionsgesprächen erreichen?
Es geht darum, Religion als einen von vielen Zugängen zu gesellschaftlichem Leben und zur Überwindung gesellschaftlicher Konflikte aufzuzeigen. Wir wollen Jugendliche ermutigen, sich mit dem Islam auseinanderzusetzen, wenn sie sich überhaupt für Religion interessieren. Es geht darum, sich gegen Fanatismus zu rüsten. Aber die Jugendlichen sollen die Wahl haben zwischen Moschee, Jugendklub, Sportverein oder irgendeiner Parteijugend. Da ist es natürlich nicht hilfreich, wenn die Kommunen die Mittel für ihre Angebote zusammenstreichen und der Internetanschluss in der Moschee besser ist als im Jugendklub.
Zur Person:
Götz Nordbruch, geboren 1974, ist ein deutscher Islamwissenschaftler. Studiert hat er in Marburg, Kairo und Berlin. Er promovierte über die deutsch-arabischen Beziehungen. Von 2009 bis 2012 arbeitete er als Assistenzprofessor an der Universität von Süddänemark, seit 2012 am Georg-Eckert-Institut für Internationale Schulbuchforschung. Nordbruch ist Mitbegründer und hauptamtlicher Mitarbeiter des Vereins ufuq.de, der sich insbesondere dem Studium islamischer Jugendkultur in Deutschland widmet.