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Teilabriss der East Side Gallery zunächst gestoppt

"Die Mauer muss bleiben!"

Seitdem der Teilabriss der Galerie bekannt wurde, nimmt die Empörung stetig zu
Seitdem der Teilabriss der Galerie bekannt wurde, nimmt die Empörung stetig zu © Foto: dapd
dapd / 01.03.2013, 14:45 Uhr
Berlin (dapd) Der Abriss eines Stücks deutsch-deutscher Geschichte beginnt in den Morgenstunden. Ein erstes bemaltes Segment der East Side Gallery wird aus dem mit 1,3 Kilometern längsten verbliebenen Mauerrest Berlins herausgebrochen. Die Stimme von Thierry Noir zittert vor Empörung. "Niemand würde auf die Idee kommen, einen Supermarkt auf einem Friedhof zu bauen", sagt der französische Maler.

Doch auf dem ehemaligen DDR-Todesstreifen an der Spree soll ein Hochhaus mit Luxusappartments entstehen, und dafür muss nach Ansicht des Bauherren ein Teil der Mauer weichen. Ausgerechnet an der East Side Gallery, jenem Mauerstück, das 1990 von Künstlern aus aller Welt gestaltet wurde, und das eines der international bekanntesten Wahrzeichen Berlins ist.

Rund 200 Demonstranten protestieren lautstark auf der Straße an der Open-Air-Galerie. "Stopft das Loch!" rufen sie, und "Die Mauer muss bleiben!" Auch ein Abschnitt eines Gemäldes von Thierry Noir könnte von dem Kahlschlag betroffen sein. "Für mich ist das eine Katastrophe, nicht nur künstlerisch, sondern vor allem, weil der Ort hier eine einmalige Chance ist, die Unmenschlichkeit der Mauer zu erklären", sagt Noir.

Geplant wird die umstrittene Bebauung von dem Unternehmer Maik Uwe Hinkel und seiner Firma "Living Bauhaus". Dass am historischen Ort, am Spreeufer hinter der East Side Gallery, ein 14-Geschosser errichtet werden soll, ist in der Öffentlichkeit bis Anfang dieser Woche nicht bekannt gewesen. Dabei liegt eine Baugenehmigung schon seit den 1990er Jahren vor. Dass der Bauherr jetzt wirklich Ernst macht, war auch für Kani Alavi, dem Vorsitzenden der Künstlerinitiative East Side Gallery, eine böse Überraschung. "Seit Jahren ist nichts passiert, seit Jahren kämpfen wir dagegen, und jetzt sehen wir, dass sie hinter unserem Rücken Tatsachen schaffen", sagt Alavi.

Auch Axel Klausmeier, der Direktor der Stiftung Berliner Mauer, ist zu den Protesten gekommen. Er ist entsetzt. Klar, es geht hier nur um ein verhältnismäßig kleines Loch in einem 1,3 Kilometer langen Mauerstück. "Aber wenn man aus einem Gebiss immer mehr Zähne rauszieht, ist irgendwann das Gebiss nicht mehr funktionstüchtig" sagt Klausmeier. "So könnte es hier auch kommen: Die Botschaft ist dann nicht mehr erkennbar." Schon am anderen Ende der Mauer, bei der Oberbaumbrücke, war nach der Wende ein etwa 50 Meter langes Stück für Bebauung entfernt worden. "Die Mauer ist zwar international das berühmteste Wahrzeichen Berlins, aber sie steht städtebaulich schlicht im Weg", resümiert er. "Das ist schon frustrierend."

Doch wer ist verantwortlich für die Beschädigung des Wahrzeichens, warum konnte sie nicht verhindert werden? Während die Demonstranten vor der Abrissstelle frieren, geht in der Politik das Schuldzuschieben los. Die Landes-SPD schilt den Bezirk, "nicht sensibel genug mit diesem Stück Mauer" umzugehen. Die Grundstücke hätten vor vielen Jahren nicht verkauft werden dürfen, sagt die kulturpolitische Sprecherin, Brigitte Lange. Jetzt könne man nicht mehr viel gegen die Versetzung von Teilen tun, weil es einen Rechtsanspruch des Investors gibt. Der Bezirk wiederum verweist darauf, dass die Bebauung des Grundstücks schon in den 1990er Jahren unter Bausenator Peter Strieder (SPD) festgeschrieben wurde, und dass der Bezirk sich dem beugen musste.

Wer auch immer die Verantwortung trägt: Seitdem der Teilabriss der Galerie bekannt wurde, nimmt die Empörung stetig zu. Auf der Internet-Plattform change.org wurde eine Online-Petition eingerichtet. Innerhalb von sechs Tagen unterschrieben rund 25.000 Menschen für die Rettung der East Side Gallery. "Allein in der vergangenen Nacht kamen 10.000 Unterschriften dazu", sagt Sergius Seebohm, Kommunikationsdirektor von change.org. "Offenbar ist die East Side Gallery ein besonderes Stück Mauer für viele Menschen", erklärt er den ungewöhnlichen Zulauf.

Ein erster kleiner Erfolg ist am späten Vormittag geschafft: Die Polizei gibt bekannt, dass die Bauarbeiten vorerst eingestellt sind. Die Demonstranten jubeln. Doch sie wissen: Das war erst die erste Etappe. "Die machen jetzt erstmal Wochenende und kommen am Montag wieder", mutmaßt einer der Protestler. "Wir aber auch."

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