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Inga Dreyer 17.06.2013 19:41 Uhr

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Vom Leben auf der Straße

Berlin (MOZ) Überall sieht man sie - auf Parkbänken, vor Supermärkten, in der U-Bahn. Doch kaum einer, der es nicht selbst erfahren hat, weiß, wie es ist, obdachlos zu sein. Um das zu ändern, organisiert das Projekt "querstadtein" Kiezführungen mit Menschen, die das Leben auf der Straße kennen.

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Vom Nollendorfplatz über den Viktoria-Luise-Platz bis zum Bahnhof Zoo führt der ehemalige Obdachlose Carsten Voss auf seiner Kieztour.

© MOZ/Inga Dreyer

Obdachlose erkenne man daran, dass sie ihren Blick beim Laufen auf die Straße richten, sagt Kiezführer Carsten Voss. Sie versuchen, sich unsichtbar zu machen. Und doch sind sie präsent. An die 2000 bis 4000 Obdachlose leben in Berlin, erklärt Voss. "Man sieht sie, aber man begreift sie nicht."

Bei der Tour durch seinen Kiez zwischen Nollendorfplatz und Bahnhof Zoo möchte er einen Einblick geben in sein altes Leben. Das Leben auf der Straße.

Voss war selber obdachlos. Nur sechs Monate. Doch so eine Zeit hinterlässt Spuren. Solche, die man nicht sieht. Denn äußerlich sieht der 54-Jährige aus wie der Karrieremann, der er einmal war: Dunkle Hornbrille, den Karo-Pulli lässig über die Schultern geworfen, eloquent in seinen Erzählungen. Er blickt nicht auf den Boden, sondern seinen Zuhörern ins Gesicht. Mit 20 Teilnehmern ist die Tour ausgebucht - dabei ist es erst seine zweite.

In seinem früheren Leben war Voss Geschäftsführer eines Unternehmens, arbeitete 80 bis 90 Stunden in der Woche. Dann kam das Burnout. Und der Absturz. "Die Armutsspirale dreht sich immer schneller." Jobverlust, Schulden, Kündigung der Wohnung - da kommt eins zum anderen. Sein Beispiel zeigt: Der Graben zwischen Obdachlosen und dem Rest der Gesellschaft ist manchmal nur ein schmaler Spalt.

Die Kiezführung startet am Nollendorfplatz, einem beliebten Anlaufpunkt für Obdachlose. Supermarkt, Späti, ein Wohnwagen des Hilfsprojekts Motz und der Tiergarten mit Übernachtungsmöglichkeiten - das sind die Fixpunkte. "Bermudadreieck" nennt Voss das. Schöneberg ist ein liberales Viertel. "Das Kreuzberg der 70er und 80er", sagt Voss. Nicht nur Schwule und Lesben, auch Obdachlose schätzen die tolerante Grundhaltung.

Der Tross trabt vorbei an Reizwäsche-Läden für Männer und Restaurants, in denen Baby-Calamaris serviert werden.

In einer ruhigen Seitenstraße bleibt Voss vor einer Hecke stehen, aus der Vogelgezwitscher dringt. Nebenan war mal eine Wota, so etwas wie eine Kita für Wohnungslose. Etwa 15 bis 16 solcher Einrichtungen, in denen man ohne Voraussetzungen unter anderem duschen und Wäsche waschen kann, gibt es in Berlin. Suppenküchen, Nachtcafés, mobile Straßenarbeiter und im Winter Notübernachtungen der Kältehilfe - die soziale Infrastruktur ist gut. Und die Obdachlosen sind mobil. Es gebe ein regelrechtes "Wota-Hopping", erzählt Voss. Schwarzfahrende Obdachlose würden von der S-Bahn und der BVG kaum belangt. "Wenn man keine Adresse hat, kann man nichts zugeschickt bekommen." Im Personalausweis von Obdachlosen steht keine Straße, nur eine Kreuzberger Postleitzahl: 10999.

Vor allem junge Menschen sind an diesem Tag dabei. Menschen wie der 28-jährige Andreas, der erst seit ein paar Monaten in Berlin lebt. Er wundere sich über die vielen Obdachlosen in der U-Bahn. Und über deren Geruch. "Ich hatte das Bedürfnis zu sehen, was dahinter steckt."

Einen Hinweis gibt Carsten Voss, als die Gruppe nahe der Bahnhofsmission am Zoo stehenbleibt. Es ist die größte Deutschlands. Und eine Art Endstation. "Viele Obdachlose haben sich so aufgegeben, dass sie sich nicht mehr fühlen." Wer nicht einmal mehr spürt, dass seine Schuhe bis zum Knöchel mit Eiter gefüllt sind, wer denkt da noch an seinen Körpergeruch?

Carsten Voss hat nicht aufgeben. Er hat den Weg zurück geschafft. Zuerst habe er sich eingestehen müssen, Hilfe zu brauchen. Dann musste er diese annehmen. Soziale Wohnungshilfe und Hartz IV. All das gibt es.

Inzwischen hat er eine eigene Wohnung. Am liebsten würde er sein Engagement bei "querstadtein" zum Beruf machen. Die Führungen sind das erste Projekt von "Stadtsichten", einem Verein, der gerade von 15 jungen Ehrenamtlichen gegründet wird. In Städten wie Hamburg und London gäbe es solche Führungen schon, in Berlin bisher noch nicht, heißt es beim Verein. Gemeinsam mit sozialen Einrichtungen arbeiten die Berliner an Touren durch weitere Kieze.

www.querstadtein.org, weitere Termine: 30. Juni, 14. Juli, Kosten: 9,40, ermäßigt 5,40 Euro.

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