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Maria Neuendorff 30.03.2015 18:57 Uhr - Aktualisiert 31.03.2015 17:56 Uhr

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Berlins Geschichte in 45 Minuten

Berlin (MOZ) Freiheitsliebe, Tatkraft und Leidenschaft - das sind die Attribute, die Berlin ausmachen, sagt Wieland Giebel. Nach diesen Leitbildern hat der Chef des Berlin Story Verlages seine neue Ausstellung zur Geschichte der Stadt konzipiert: in der historischen Bunkeranlage am Anhalter Bahnhof.

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Ein typisches Bild für das Wirtschaftswunder in West-Berlin ist für Museumsbetreiber Wieland Giebel die bunte Sahnetorte auf dem Nierentisch.

© MOZ

Einzig eine Kreide-Tafel zeugt in der Trümmerlandschaft vom Überleben: "Liebe Frau Steger. Wo sind Sie? Kommen sie zu Ellen Schulz. Steglitz, Kurfürstenstraße 6", hat jemand darauf gekritzelt. Die nachgestellte Suchmeldung aus den Wirren des Zweiten Weltkrieges ist eine von dreißig Stationen mit eindrucksvollen Szenen, Fotografien und Modellen, die Berlins Geschichte nacherzählen.

Die Szene der zerstörten Stadt wirkt am neuen Standort unweit der mahnenden Ruine des Anhalter Bahnhofs besonders eindringlich. Denn der graue Beton des neuen Story Museums gehört zu einem echten Bunker. Hier harrten in den letzten Kriegstagen 1945 bis zu 1300 Menschen aus, halb verdurstet, aufgrund des Platzmangels knöcheltief im Unrat stehend, erschöpft bis teilnahmslos aneinander gelehnt, da weder Strom noch Toiletten funktionierten.

Der fünfstöckige Luftschutzbunker mit seinen acht Giftgasschleusen ist seit Montag die neue Heimat des privaten Museums. Betreiber ist Wieland Giebel, Gründer des Geschichtsfestivals Historiale und Chef des größten berlinspezifischen Sachbuchverlags. Schon 2010 hat er auf die vielen Fragen der Touristen in seinem Buchladen mit einer eigenen Ausstellung geantwortet. Die neue ist chronologisch aufgebaut. Wer sie mit einem Audioguide abgeht, hört manchmal Schreie durch die düsteren Gänge hallen. "Das sind die Besucher des Gruselkabinetts eine Etage höher", erklärt Giebel. Der 65-Jährige freut sich, dass die Schulklassen, die sich dort professionell erschrecken lassen, danach direkt zu ihm kommen. Vom Entertainment zum Infotainment sozusagen, von Grusel-Kick zur Geschichtslektion. Für das junge Publikum hat Giebel seine Schau den YouTube-Sehgewohnheiten angepasst. Kein Audio- oder Filmbeitrag des Rundgangs ist länger als 100 Sekunden. Vom "Berliner Unwillen" 1440 gegen den Kurfürsten über das braune Berlin, durch den Kalten Krieg bis zur hippen Metropole kommt man in 45 Minuten. Viele Objekte hat Giebel von seinem alten Standort am Boulevard Unter den Linden mitgebracht. Neu ist unter anderem die Abteilung "Wirtschaftswunder". Für Wieland, der 1950 in Thüringen geboren wurde, aber in Kassel aufwuchs, sind die Bilder des Nachkriegs-Westberlin rosa Sahnetorte auf Nierentischen, aber auch der tote Student Benno Ohnesorg oder Fallschirme mit Schokolade, die er sich von Luftbrücken-Pilot Gail Hallvorsen persönlich nachfertigen ließ.

In der Ost-Abteilung amüsieren sich Nacktbader auf Usedom, es wird Citrus-Brause vor beiger Rauten-Tapete getrunken. Vor der Stasi-Gefängniszelle ist das Wachs der Kerzen der Friedlichen Revolutionäre verlaufen.

Manche Artefakte, die die Schau komplettieren könnten, sind noch gar nicht geborgen. Zwei Etagen tiefer suchen Ehrenamtliche des Vereins Berliner Unterwelten seit Monaten Berge von Bunker-Schutt per Hand nach Relikten der Vergangenheit durch. "Erst vor Kurzem haben wir hinter einer zugemauerten Toilettentür eine Brieftasche, Visitenkarten und einen Dosenöffner gefunden", berichtet Geschäftsführer Enno Lenze, der Besucher künftig auch durch die leeren Bunkergänge führen will.

Berlin Story Museum, Schöneberger Straße 23a, Eintritt 5 Euro, Di bis Fr 10 bis 19 Uhr, Sa und So 12 bis 20 Uhr geöffnet

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