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Sechs Berliner wollen ein Restaurant eröffnen, in dem Lebensmittel vor dem Müll gerettet werden

Reste à la carte

Aline (l-r), Leoni, Stefan, Wiebke, Lena und Anette, das Team vom Startup "Restlos glücklich"
Aline (l-r), Leoni, Stefan, Wiebke, Lena und Anette, das Team vom Startup "Restlos glücklich" © Foto: dpa
Harriet Stürmer / 20.08.2015, 20:30 Uhr - Aktualisiert 21.08.2015, 19:35
Berlin (MOZ) Um Lebensmittel vor der Mülltonne zu bewahren, will ein Berliner Verein im Herbst ein Reste-Restaurant eröffnen. Für das gemeinnützige Projekt braucht die sechsköpfige Gruppe noch 50 000 Euro, die sie mittels Crowdfunding sammeln will.

Fällt die Zucchini eine Nummer zu groß aus, ist die Tomate geplatzt oder trägt der Apfel auch nur einen einzigen schorfigen Fleck auf seiner Schale, ist das Schicksal der Früchte oft schon besiegelt. Statt in den Handel kommen sie in den Müll, weil sich Lebensmittel ohne Idealmaß nun mal nicht so gut verkaufen lassen. Dabei hätten es auch Außenseiter-Produkte verdient, auf dem Teller zu landen, sagt Leoni Beckmann. Geschmacklich seien sie schließlich einwandfrei.

Beckmann ist Vorsitzende des Vereins "Restlos glücklich" - ein Name, der längst auch zum Lebensmotto seiner Mitglieder geworden ist. Seit einem Jahr beschäftigen sich die sechs jungen Berliner intensiv mit dem Thema Lebensmittelverschwendung - mit dem Ziel, so viele Nahrungsmittel wie möglich zu retten.

Den Ausschlag dafür gab eine Reise nach Kopenhagen, wo Vereinsmitglied Wiebke Hampel auf das Restaurant Rub & Stub stieß, das man in etwa mit "Restlos alles" übersetzen kann. Die leidenschaftliche Köchin, die sich seit Langem für Initiativen rund um Umweltschutz, Landwirtschaft und regionale Versorgung interessiert, war sofort überzeugt von dem nachhaltigen Konzept der dänischen Restaurantbetreiber. Sie kochen so weit es geht mit Lebensmitteln, die sonst im Müll gelandet wären, weil sie Ladenhüter sind, ihre Form nicht stimmt oder das Haltbarkeitsdatum naht. Der Laden läuft gut. Und weil fast alle Mitarbeiter auf Lohn verzichten, kann der Gewinn gespendet werden - an Jugendliche in Sierra Leone, die von dem Geld an Computern ausgebildet werden.

Johannes Erz ist einer der Partner-Landwirte. Der Jungbauer betreibt mit seiner Frau einen Ökobauernhof mit Gemüseanbau in Friedersdorf (Märkisch-Oderland). Drei bis vier Mal die Woche fährt er nach Berlin, um Bioläden oder Restaurants mit seinen Produkten zu beliefern. Was er nicht loswird, bringt er seit geraumer Zeit zu "Restlos glücklich". Übergroße Zucchini etwa, die Köchin Wiebke Hampel dann zum Beispiel zu Zucchini-Brotpuffern verarbeitet, um sie den Gästen vereinseigener Veranstaltungen anzubieten. "Ich finde es superschön, dass es so etwas gibt", lobt Bio-Bauer Erz.

Der Verein will möglichst biologische, saisonale und regionale Produkte im geplanten Restaurant anbieten. "Aber grundsätzlich gilt: Wir möchten alle Lebensmittel retten. Denn unserer Meinung nach verdient auch das konventionell angebaute beziehungsweise produzierte Lebensmittel eine zweite Chance", betont Leoni Beckmann. Wichtig sei, dass die Qualität stimmt. Und selbstverständlich werde den Gästen auch Fleisch angeboten.

Letztlich gehe es darum, Besucher zum Umdenken zu bringen. "Wir müssen Lebensmittel endlich wieder mehr wertschätzen und verantwortungsvoller mit ihnen umgehen", sagt Gründungsmitglied Anette Keuchel. Deshalb sollen die Gewinne des Restaurants in ein Bildungsprogramm mit Kochkursen und Workshops für eine kreative Lebensmittelverwertung fließen.

Zwei Köche und ein Manager sollen für ihre Arbeit entlohnt werden. Das Servicekräfte-Team aber will man mit Freiwilligen zusammenstellen. Eine Schicht pro Woche müsste jeder Ehrenamtler allerdings schon bereit sein, zu leisten. "Anders funktioniert es nicht", sagt Beckmann und berichtet von einem IT-Manager, der regelmäßig im Kopenhagener Rub & Stub dreckiges Geschirr abwäscht. "Das ist für ihn ein guter Ausgleich zu seinem Job."

Um die Gründungskosten wie Restaurant-Einrichtung und Küchengeräte finanzieren zu können, sucht die Initiative Kapitalgeber und hat dazu vor drei Tagen eine Crowdfunding-Kampagne auf der Online-Plattform Startnext.de gestartet. Ehrgeiziges Ziel ist es, in nur 40 Tagen 50 000 Euro zusammenzubekommen. Bisher sind 6000 Euro beisammen.

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