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Maria Neuendorff 20.04.2017 19:00 Uhr

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Hinsehen, wo andere sich abwenden

Berlin (MOZ) Wilhelm Nadolny gibt immer die Hand. Auch den Menschen, von denen sich andere angeekelt abwenden. "Es hat mich einige Jahre Arbeit gekostet, das ernstgemeint zu machen. Aber ich finde das sehr wichtig", sagt der 30-Jährige. Seit ein paar Jahren arbeitet der Sozialarbeiter mit Obdachlosen in der Bahnhofsmission am Zoo. Er wird gerufen, wenn an der Bushaltestelle mal wieder der vollgekotete, betrunkene Rollstuhlfahrer mit den verfaulten Beinen randaliert. Oder zum Alexanderplatz geschickt, wenn dort mal wieder zwei Junkies mit offenen Beinen unter den Augen der Passanten vor sich hinvegetieren.

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Die Mobilen Einzelfallhelfer Wilhelm Nadolny (l) und Sascha Sträßer

© dpa

Ab sofort werden er und sein Kollege Sascha Sträßer auch gezielt in den rot-gelben Zügen Obdachlose ansprechen. Die S-Bahn finanziert das Projekt bis Jahresende mit 65 000 Euro. "Die meisten Fahrgäste haben die Situation schon erlebt. Extremer Geruch macht sich im Waggon breit, mittendrin ein Mensch, der körperlich schwer gezeichnet ist", sagt S-Bahnsprecher Ingo Priegnitz am Donnerstag bei der Vorstellung des Programms. "Man möchte helfen, wechselt dann aber doch nur das Abteil."

Um die Obdachlosen langfristig aus den Zügen zu bekommen, hat die S-Bahn den Modellversuch mit zwei mobilen Einzelfallhelfern gestartet. Das Einsatzgebiet der beiden jungen Männer wird hauptsächlich der Berliner Ring sowie die Linie S5 zwischen Strausberg Nord und Spandau sein. "Eigentlich bewegen sich die Obdachlosen mit der S-Bahn durch die gesamte Stadt. Überall, wo der Bahnhof ein Vordach hat, bildet sich eine Szene", sagt Sascha Sträßer. Besonders Neukölln sieht er als Schwerpunkt an. "Dort gibt es derzeit besonders viele Drogensüchtige, bei denen der körperliche Verfall weit fortgeschritten ist", berichtet der 29-Jährige.

Um mit den Menschen, die häufig auch psychisch sehr krank sind, ins Gespräch zu kommen und ihnen Perspektiven aufzuzeigen, bedarf es oft vieler Anläufe. Als Eisbrecher geben die Sozialarbeiter dann oft einen Kaffee aus oder auch mal einen Euro. Manche ihrer Klienten erreichen sie mit Gesprächen über den Glauben. Andere über ihre inneren Träume. "Es gibt kein Patentrezept. Jeder Fall ist anders", erklärt Sträßer. Oft dauere es Monate, um einen guten Kontakt aufzubauen. "Deswegen bin ich so glücklich, dass wir uns jetzt für die Einzelfälle mehr Zeit nehmen können", findet auch sein Kollege Nadolny.

Denn das Misstrauen ist groß. "Die meisten Obdachlosen haben in ihrer Kindheit und Jugend schlimmste Dinge erlebt", sagt Stadtmissions-Sprecherin Ortrud Wohlwend. Ständige Enttäuschungen und nicht eingehaltene Versprechen zögen sich durch viele Leben. Die Helfer setzen Verlässlichkeit dagegen. "Es ist manchmal schon ein großer Erfolg, wenn sich jemand, der sich ein dreiviertel Jahr nicht gewaschen hat, mit ins Hygienecenter am Zoo geht", sagt Wohlwend. "Viele haben sich selbst längst aufgegeben."

Dabei gebe es in Berlin ein breites Netz an Hilfen. Bei dem Projekt gehe es darum, die ganz harten Fälle wieder an dieses Netz anzuschließen. So wie Marianne vom Bahnhof Zoo. Vor zwei Monaten hatte sie sich zum Sterben vor eine Notübernachtung gelegt. Die Helfer fanden sie rechtzeitig, konnten sie in einem Obdachlosen-Pflegezimmer wieder aufpäppeln, gingen mit ihr zu Behörden. "Gestern kam dann das erste Geld vom Amt", berichtet Sträßer. "Sie hat sich eine Fahrkarte gekauft, uns einen Blumenstrauß und ist ins Kino gegangen."

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