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Berlins größter Deportations-Bahnhof in Moabit bekommt einen Gedenkort

Mahnmal nach 75 Jahren

Foto der Unterführung am Güterbahnhof Moabit 1989
in Berlin. Hier wurden 1942-1944 mehr als 30 000 Juden deportiert.
Das Tor ist inzwischen abgerissen
Foto der Unterführung am Güterbahnhof Moabit 1989 in Berlin. Hier wurden 1942-1944 mehr als 30 000 Juden deportiert. Das Tor ist inzwischen abgerissen © Foto: MOZ
Maria Neuendorff / 20.04.2017, 20:30 Uhr
Berlin (MOZ) Vom Güterbahnhof Moabit wurden während des Krieges über 32 000 Juden in die Vernichtungslager gebracht. Doch Berlins größter Deportations-Bahnhof war lange in Vergessenheit geraten. Dass er nach 75 Jahren nun endlich ein Mahnmal bekommt, ist vor allem Anwohnern zu verdanken.

Der Ort des Schreckens liegt zwischen einer Entlastungsstraße, einem Discounter und einem Baumarkt. Von der Fahrt in den Tod zeugen nur noch ein Stück Gleis und eine verrostete Spundwand. "Klarer, banaler, zynischer kann man das systematische Wegsehen, welches hier vor 75 Jahren stattgefunden hat, nicht reinszenieren", beschreibt Francesco Apuzzo vom Künstlerkollektiv "raumlabor" seinen ersten Eindruck von dem 250 Quadratmeter großen Restland des einstigen Moabiter Güterbahnhofs. Seit dieser Woche bepflanzen er und seine Mitstreiter im Auftrag der Senatskulturverwaltung das historische Areal an der neuen Ellen-Epstein-Straße mit einem Kiefernhain. Zwei Gedenkstelen sollen ab Sommer daran erinnern, dass die Nazis von hier aus mehr als 32 000 Juden aus Berlin, Potsdam und Frankfurt (Oder) in Vernichtungslager und Ghettos deportierten.

Viel mehr als vom Gleis 17 des Bahnhofs Grunewald, an dessen Mahnmal jährlich Blumen niedergelegt werden. "Der Güterbahnhof Moabit dagegen spielt bis heute im öffentlichen Bewusstsein kaum eine Rolle", sagt Andreas Szagun. Der 53-Jährige ist einer der Anwohner, die sich seit vielen Jahren für einen würdigen Gedenkort einsetzen.

Schon als Kind interessierte er sich für Heimatgeschichte. Als Anfang der 1990er-Jahre die Reichsbahn aufgelöst wurde, rettete Szagun im Grunewalder Ausbesserungswerk, wo er als Maschinenschlosser arbeitete, alte Gleis- und Schaltpläne des Moabiter Güterbahnhofs aus dem Mülleimer. "Wir sollten die Akten verheizen, um die Betriebs-Duschen warm zu kriegen."

Mit den Lichtpausen des einstigen Stellwerks an der Quitzowstraße kann Szagun heute nachweisen, dass von drei etwas abgelegenen Sondergleisen in Moabit nicht nur Rangier-, sondern auch Zugausfahrten - und somit die sogenannten Osttransporte - möglich waren.

An dem Moabiter Güterbahnhof mit einst acht Ladestraßen wurden seit Ende des 19. Jahrhunderts Kohlen, Kartoffeln und Baustoffe umgeschlagen. Anschlussbahnen versorgten Großbetriebe wie Borsig und den Westhafen. "Die drei etwas abgelegenen Deportations-Gleise 69, 81 und 82 wurden ursprünglich für die Verladung von Soldaten und Material aus Kasernen genutzt", berichtet Szagun.

Um Licht in das dunkle Kapitel Deportation zu bringen, haben er und der 2015 verstorbene Reichsbahnhistoriker Alfred Gottwaldt in der Moabiter Geschichtswerkstatt viel Literatur wälzen müssen. Durch ihre Recherchen wurde erst vor wenigen Jahren nachgewiesen, dass Moabit der größte Berliner Deportationsbahnhof war. Die Quellen sind rar. Doch mehrere Zeitzeugenaussagen belegen, dass in Moabit zwischen 1942 und 1944 Juden in Sonderzüge aus Personen- und Güterwagen getrieben wurden. Ziel war das Warschauer Ghetto, Auschwitz oder Riga, wo zahlreiche Insassen sofort im Wald erschossen wurden.

Unter den Ermordeten befand sich unter anderem die Schriftstellerin Else Ury, Autorin der beliebten "Nesthäkchen"-Bücher. Auch der erst zehnjährige Gert, jüngerer Bruder des späteren Entertainers Hans Rosenthal, wurde mit 140 anderen Kindern eines jüdischen Waisenheims in den Tod geschickt

Die meisten Deportierten wurden vorher im Sammellager der Jüdischen Synagoge an der Moabiter Levetzowstraße festgehalten. Vor der Abfahrt wurden die Menschen durch Wohnstraßen bis zu einer Unterführung des Güterbahnhofs getrieben. Das historische Tor wurde 1995, genauso wie ein Güterschuppen und zwei der drei Deportations-Gleise abgerissen als die Bahn das Gelände an Investoren verkaufte. "So ist der Ort zwischen Unkenntnis und Verwertungsdruck in seiner Bedeutung fast untergegangen", sagt Sabine Weißler (Grüne), Bezirksstadträtin. Engagierten Bürgern sei es zu verdanken, dass er nicht gänzlich in Vergessenheit geraten ist.

Auch Szagun hat immer wieder nachgehakt. Als ehemaliger Bahner kann er es nicht hinnehmen, dass weiter Gras über die Sache wächst. Bei seinen Recherchen hat ihn nicht nur das Streben der Reichsbahn nach Effizienz bei den Todesstransporten besonders geschockt. Sondern auch die Tatsache, wie viele Kollegen sich zum Helfer des Völkermords gemacht haben. "Nicht nur Lokführer und Heizer haben damals etwas mitbekommen. Sondern auch jeder Schrankenwärter, Stellwerker und Gleisarbeiter an den vielen Stationen, die die Züge auf ihrer Fahrt in den Tod passierten."

Von Maria Neuendorff

Berlin (MOZ) Vom Güterbahnhof Moabit wurden während des Krieges über 32 000 Juden in die Vernichtungslager geschickt. Doch Berlins größter Deportations-Bahnhof war lange in Vergessenheit geraten. Dass er nach 75 Jahren nun endlich ein Mahnmal bekommt, ist vor allem Anwohnern zu verdanken.

Der Ort des Todes liegt zwischen einer Entlastungsstraße und zwei Großmärkten. Von der Fahrt in die Hölle zeugt nur noch ein Stück Gleis und eine alte Rampe. "Klarer, banaler, zynischer kann man das systematische Wegsehen, welches hier vor 75 Jahren stattgefunden hat, nicht reinszenieren", beschreiben die Künstler des Kollektivs raumlabor ihren ersten Eindruck. Seit Dienstag bepflanzen sie das 250 Quadratmeter große Restland des einstigen Moabiter Güterbahnhof mit einem Kiefernhain. Zwei Gedenktafeln sollen ab Sommer an der erinnern, dass die Nazis von hier aus mindestens 32 000 Juden aus Berlin, Potsdam und Frankfurt (Oder) in Vernichtungslager deportierten.

Viel mehr als vom Gleis 17 des Bahnhofs Grunewald, an dessen Mahnmal jährlich Blumen niedergelegt werden. "Der Güterbahnhof Moabit dagegen spielt bis heute im öffentlichen Bewusstsein kaum eine Rolle", sagt Andreas Szagun. Der 53-jährige ehemalige Maschinenschlosser der Bahn ist einer der Anwohner, die sich seit vielen Jahren für einen würdigen Gedenkort einsetzen. Er interessierte sich schon als Kind für Heimatgeschichte. Als Anfang der 1990er-Jahre die Reichsbahn aufgelöst wurde, rettete er im Grunewalder Ausbesserungswerk, wo er arbeitete, alte Gleis- und Schaltpläne des Moabiter Güterbahnhof aus dem Mülleimer. "Wir sollten die Akten verheizten, um die Betriebs-Duschen warm zu kriegen."

Mit den Lichtpausen des einstigen Stellwerks an der Quitzowstraße kann Szagun heute nachweisen, dass von drei militärischen Sondergleisen in Moabit, nicht nur Rangier-, sondern auch Zugausfahrten - und somit die sogenannten Osttransporte - möglich waren.

An dem Moabiter Güterbahnhofs mit einst acht Ladestraße wurden schon seit Ende des 19. Jahrhunderts Kohlen, Kartoffeln und Baustoffe umgeschlagen. Anschlussbahnen versorgten Großbetriebe wie Borsig und den Westhafen. "Die drei etwas abgelegenen Deportations-Gleise 69, 81 und 82 wurden ursprünglich für die Verladung von Soldaten und Material aus Kasernen genutzt", berichtet Szagun.

Um Licht in das dunkle Kapitel zu bringen, haben er und der 2015 verstorbene Reichsbahnhistoriker Alfred Gottwaldt in der Moabiter Geschichtswerkstatt viel Literatur wälzen müssen. Die Quellen sind rar. Doch mehrere Zeitzeugenaussagen belegen, dass in Moabit zwischen 1942 und 1944 Juden in Sonderzüge aus Personen- und Güterwagen getrieben wurden. Ziel war das Warschauer Ghetto, Auschwitz oder Riga, wo zahlreiche Insassen sofort im Wald erschossen wurden. Unter den ermordeten befand sich unter anderem die Schriftstellerin Else Ury, Autorin der beliebten "Nesthäckchen-Bücher". Auch der erst zehnjährige Gert, jüngerer Bruder des späteren Entertainers Hans Rosenthal, wurde mit 140 anderen Kindern eines Jüdischen Waisenheims in den Tod geschickt

Die meisten Deportierten wurden vorher im Sammellager der Jüdischen Synagoge an der Moabiter Levetzowstraße festgehalten. Vor der Abfahrt wurden die Menschen kilometerweit durch Wohnstraßen bis zu einen Nebeneingang des Güterbahnhofs getrieben. Das historische Tor, von dem Szagun noch rechtzeitig ein Foto machte, wurde in den 1990er Jahren genauso wie ein Güterschuppen und zwei der drei Gleise abgerissen, bevor die Bahn das Gelände an Investoren verkaufte. "Da war Verdrängung, aber auch Gedankenlosigkeit im Spiel", sagt Szagun heute. Immer wieder hat er im Bezirk nachgehakt und so zusammen mit anderen Anwohner verhindert, das auch noch über die allerletzten Relikte des Völkermords weiter Gras wächst. Besonders schockt Szagun, dass die Todes-Transporte mitten in der Stadt durchgeführt werden konnten. "Nicht nur

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