Sonntag, 12. Februar 2012

Frankfurt
Schneeschauer
-10°C/-7°C

Henning Kraudzun 03.09.2010 20:38 Uhr - Aktualisiert 05.09.2010 16:01 Uhr

nachrichten/berlin/artikel-ansicht/dg/0/

Das langsame Klubsterben

Berlin (moz) Immer mehr Klubs haben im Szenebezirk Prenzlauer Berg massive Probleme mit neuen Nachbarn. Neuestes Beispiel: Das Icon, das seit 14 Jahren im Keller einer früheren Brauerei residiert. Es soll im Dezember schließen. Aber die Politik will helfen.

  Tanzen im Kellergewölbe: Lars Döring (l.) und Pamela Schobeß betreiben seit 14 Jahren den Icon Club in der Cantianstraße. © MOZ/Henning Kraudzun

Früher wurde in dem Keller noch Malzbier produziert, heute wummern dort jedes Wochenende die Bässe. Der verwinkelte Klub kommt mit einer minimalistischen Einrichtung aus, ein paar Sitzbänke wurden auf Podeste geschraubt, Lichtinstallationen huschen über die Ziegelwände, es herrscht Schummerlicht. Die Leute, die über die steile Treppe in das Gewölbe hinabsteigen, suchen jedoch keinen Komfort – sie wollen tanzen.

Fotostrecke

Niedlich, weiß und wuschelig - Knut zog im Jahr 2007 die Berliner und später die ganze Republik in seinen Bann.   ©

  1 / 6  

Als Pamela Schobeß und Lars Döring (beide 36) Mitte der 90er Jahre zum ersten Mal die unterirdischen Räume der ehemaligen Groterjan-Brauerei besichtigten, standen dort alte Kessel zwischen Bauschutt. Die beiden Klubchefs, privat ein Paar, fingen mit wenig Geld an, bauten die Räume nach und nach aus. Heute ist das Icon in Berlin bekannt für elektronische Musik fernab des Techno.

„Unsere Gäste kommen aus ganz Europa“, sagt Schobeß. Das Programm sei exklusiv, manche Künstler und DJs spielten nur im Icon, wenn sie Deutschland besuchten. In offiziellen Tourismusbroschüren wird der Klub regelmäßig aufgeführt. Bald könnte in dem Keller jedoch zum letzten Mal eine Party steigen. In direkter Nachbarschaft sind Luxuswohnungen entstanden.

Doch im Gegensatz zum 50 Jahre alten Knaack-Klub, der wegen Beschwerden neuer Anwohner jetzt notgedrungen den Wegzug plant, gibt es im Icon kein Problem mit lauter Musik. Der Vermieter selbst hatte Zwischendecken aus Beton gebaut, um Schallübertragungen zu vermeiden. Der Klub ist zudem isoliert. Bislang stört sich nur ein Anwalt nebenan an den Gästen auf dem Bürgersteig.

Als dieser Akteneinsicht beantragte, sorgte er für Verwirrung in der Bauverwaltung. Der Klub ist planungsrechtlich an der Stelle nicht vorgesehen. Also drohte der Sachbearbeiter mit sofortiger Schließung – obwohl das gleiche Amt eine unbefristigte Genehmigung gewährt hatte. Döring berichtet, dass ihm eine Gnadenfrist angeboten wurde, wenn er auf Rechtsmittel verzichtet. „Die haben uns massiv unter Druck gesetzt.“ Der Vorgang wurde kürzlich im Pankower Bauausschuss erörtert – und sorgte für Empörung bei den Bezirksverordneten. Einige sprachen von „Nötigung durch die Behörde“. Der zuständige Amtsleiter räumte letztlich Fehler ein. Jetzt will der Baustadtrat das Problem klären. Man prüfe, ob die „Verfügung die rechtlich einzig mögliche war“, sagt Michail Nelken (Linke). Die Pankower Politiker wollen nun dem Icon helfen.

Der Fall sorgt mittlerweile für verwaltungsinterne Verstimmung. Ordnungsstadtrat Jens-Holger Kirchner (Grüne) will sich dafür einsetzen, dass die Schließung verhindert wird. Was im Bauamt abgelaufen sei, „entspricht keinem rechtsstaatlichen Handeln“, meint er. Durch einen Behördenfehler sei ein weiterer Klub gefährdet. „Das ist richtig ärgerlich.“ Massive Anwohnerbeschwerden gebe es woanders, nicht am Icon.

Andere teilen das Schicksal: Neben dem Knaack haben in Prenzlauer Berg auch Institutionen wie das Ballhaus Ost, der Duncker und selbst die Kulturbrauerei ihre Probleme mit Anwohnerbeschwerden. Dem Druck steigender Mietpreise musste das Magnet in der Greifswalder Straße nachgeben –und zog nach Kreuzberg. Laut Kirchner gibt es im Bezirk Pankow jährlich 2500 Anzeigen beim Ordnungsamt wegen Lärm. Die Zahl steigt seit Jahren.

„Man kann nicht vor Zugezogenen einfach flüchten“, meint Döring. „Wir haben enorm viel Zeit und Geld in den Klub investiert.“ Ihn und seine Partnerin ärgert, dass Szeneläden in der Stadt keine Lobby haben. „Dabei wird ständig mit ihnen in Imagekampagnen geworben. Ohne Klubs gäbe es auch keinen Zustrom junger Touristen“, sagt Schobeß. „Es wird immer vergessen, dass hier auch einige Jobs geschaffen wurden.“

Rainer Grigutsch von der Klub Commission, der Kooperation von 120 Berliner Szeneläden, sieht immer mehr Klubs durch Lärmschutzauflagen bedroht. Doch die könnten nicht einfach wegziehen. „Das sind gewachsene Standorte, die man nicht schnell verpflanzen kann.“ In Klubs fänden junge Bands seit Jahren eine Plattform. „Ohne sie bricht die musikalische Basis in Berlin weg“, warnt er.

Artikel empfehlen

Artikel kommentieren

Lesezeichen setzen

Seite empfehlen

Nachricht an die Redaktion

Druckversion

Lesen Sie auch...

24.12.2011 10:33 Thema

" Ekelliste ": Pankow will vorerst bei eigenem Smiley bleiben

Berlin/Brandenburg (dpa) " Ekelliste ": Pankow will vorerst bei eigenem Smiley bleiben (Mit Bild) Pankow als Berliner Vorreiter in Sachen Lebensmittelhygiene will vorerst am ... mehr

13.01.2012 21:11 Thema

Kreativer Protest gegen Clubschließung in Prenzlauer Berg

Berlin/Brandenburg (dpa) Die Freunde lauter elektronischer Musik im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg wollen die Schließung eines weiteren Clubs nicht widerstandslos hinnehmen.... mehr

17.11.2011 08:54 Thema

Schnäppchen rund um Tegel

Berlin/Brandenburg (MOZ) Schnäppchen im Norden Wenn der Flughafen Tegel im kommenden Jahr schließt, könnten Haus- und Wohnungskäufer im Norden Berlins ein Schnäppchen machen.... mehr




Regionalnavigator

Angermünde Bad Freienwalde Beeskow Bernau Eberswalde Eisenhüttenstadt Erkner Frankfurt (Oder) Fürstenwalde Schwedt/Oder Seelow Strausberg

Ort, PLZ oder Redaktion

Regional

© 2010 moz.de Märkisches Verlags- und Druckhaus GmbH & Co. KG
...