Brigitte Tanke steht mit ihren 73 Jahren voll im Leben. Als Vorsitzende des Tierschutzvereins in Seelow (Märkisch-Oderland) kommt sie auch von ihrem früheren Beruf nicht los. Vor ein paar Wochen hat die gelernte Hebamme vier kleinen Kätzchen auf die Welt geholfen, weil sich die zuvor von ihr aufgelesene Mutter etwas ungeschickt angestellt hatte. Sehr bewegend sei das gewesen, erzählt Brigitte Tanke mit einem Lächeln.
Und noch etwas anderes hat die Frau in den letzten Wochen sehr mitgenommen, allerdings im Negativen. In der Zeitung musste sie von einer CDU-Anfrage an die Landesregierung lesen. Darin wollte die Abgeordnete Saskia Ludwig wissen, welche Kenntnisse die Landesregierung über Tötungen von Frühchen in DDR-Kliniken habe. Sie begründete ihren Vorstoß mit nicht näher bezeichneten Medienberichten zu dem Thema. Auch hätten sich Frauen an sie gewandt "mit der Problematik, dass die Geburt ihres Kindes nicht bei Bewusstsein stattfand und anschließend ihnen mitgeteilt wurde, dass sie eine Totgeburt hatten".
Die frühere Partei- und Fraktionschefin der märkischen Christdemokraten hegt nun den Verdacht, dass zu DDR-Zeiten Frühchen getötet wurden. "Sobald entbunden war, wurden die Säuglinge abgenabelt und noch vor ihrem ersten Schrei zum Beispiel in Wassereimern im Kreissaal ertränkt", schreibt die 45-Jährige in ihrer Anfrage. Motiv für die angeblichen Tötungen soll laut Ludwig das Schönen der Statistik zur Säuglingssterblichkeit gewesen sein.
Die Landesregierung antwortete Ludwig knapp, dass ihr keine Erkenntnisse zu etwaigen Tötungen vorliegen. Damit ist die Sache für Brigitte Tanke jedoch nicht aus der Welt. "Wie kann man so etwas behaupten?", fragt sie sich voller Entrüstung. Und dann fängt sie an zu erzählen von ihrer Ausbildung, von der Zeit im Bezirkskrankenhaus Frankfurt (Oder) und im Entbindungsheim Seelow, dem sogenannten Storchennest.
"Da wir in Seelow in den 1960er-Jahren keine Wärmebettchen hatten, riefen wir sofort die Diakonissen vom Frankfurter Lutherstift an, wenn es eine Frühgeburt gab", berichtet sie. "Die frommen Frauen kamen dann sofort und brachten ein Wärmebett mit." An erfolgreich durchgebrachte Babys von 800 Gramm kann sich Brigitte Tanke erinnern. "Niemals hätten wir das wertvollste auf der Welt, das Leben eines Kindes, zerstört."
Auch schwer kranke Säuglinge habe sie gehegt und gepflegt, betont Brigitte Tanke. "So wie ein Baby lebte, haben wir darum gekämpft, dass es nicht stirbt", beschreibt sie ihren Arbeitsethos. Eine Selbstverständlichkeit sei das gewesen, gerade vor dem Hintergrund der Nazi-Euthanasie, die ihr und ihren Kollegen als Mahnung stets präsent gewesen sei. Deshalb ärgere es sie maßlos, wenn nun eine Politikerin etwas anderes behaupte.
Natürlich habe es, wie heute leider auch noch, Fälle gegeben, in denen Schwangere zwecks Kaiserschnitts in Vollnarkose versetzt wurden und ihr Baby dann nur tot geholt werden konnte. Dass man aber daraus eine Legende über Kindstötungen stricke, sei unerhört.
Auch zwei leitende Kinderärzte eines Potsdamer Krankenhauses haben bereits leidenschaftlich gegen Saskia Ludwigs Darstellung protestiert. Völlig undenkbar sei das, was die CDU-Politikerin da verbreite. Hätten die Vorwürfe Substanz, würden längst Staatsanwälte wegen gemeinschaftlichen Mordes ermitteln. "Auf dem Rücken betroffener und belasteter Mütter und ihrer Familien politische Auseinandersetzungen mit strafrechtlich relevanten - gleichfalls unbewiesenen - Behauptungen zu betreiben, ist verwerflich und moralisch nicht zu überbieten", schreiben Professor Dr. Michael Radke und Dr. Bernd Köhler in einem Gastbeitrag für die "Potsdamer Neuesten Nachrichten".
Brigitte Tanke ist froh, dass sie mit ihrer Empörung nicht allein ist. Erleichtert und mit leuchtenden Augen erzählt die Hebamme, wie sie seinerzeit die Babys sofort nach der Geburt den Müttern auf die Brust gelegt hat. "Ja, das haben wir damals schon so gemacht", betont sie. Eigentlich hätten sich in den vergangenen Jahrzehnten nur zwei Dinge wesentlich verändert. Das Holz-Stethoskop, mit dem Brigitte Tanke die Herztöne der Babys im Mutterbauch überwachte, ist dem Venenschreiber gewichen. "Ein Riesenfortschritt", findet die Hebamme.
Auch eine andere Entwicklung sei gut - die Anwesenheit der Väter bei der Geburt. "Zu meiner Zeit war das verboten. Aber ich hätte mir gewünscht, dass die Männer sehen, welche Schmerzen die Frauen auf sich nehmen."