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Potsdamer Umweltministerium stellt Unterlagen ins Netz / Standorte an der Oder offenbar aus dem Rennen

Polen beharrt auf Atomplänen

© Foto: MOZ Schröder
Dietrich Schröder / 26.12.2014, 19:01 Uhr
Potsdam (MOZ) Polens Regierung scheint trotz aller Umwelt- und finanziellen Probleme fest entschlossen, im kommenden Jahrzehnt ein erstes Atomkraftwerk zu errichten. Das geht aus dem jetzt auch auf Deutsch veröffentlichten "Nationalen Kernenergieprogramm" hervor.

Seit einigen Tagen kann man sich von den umstrittenen Atomplänen des Nachbarlandes ein genaueres Bild machen. Sowohl das "Nationale Kernenergieprogramm", welches die Warschauer Regierung im Januar beschloss, wie auch die Ergebnisse eines Umweltprüfverfahrens, bei dem die Nachbarstaaten ihre Bedenken äußern konnten, sind auf der Internetseite des Brandenburger Umweltministeriums veröffentlicht worden. Die deutsche Übersetzung der fast 600 Seiten wurde übrigens von polnischer Seite zur Verfügung gestellt - offenbar als Teil der Bemühungen, um hiesige Bedenken zu zerstreuen.

Denn sowohl die Landesregierungen von Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern, wie auch Zehntausende Bürger hatten das Nachbarland schon in den Jahren 2012 und 2013 vor den Gefahren der Atomnutzung gewarnt. Dies umso mehr, als sich von den ursprünglich in Betracht gezogenen 29 Standorte für ein Kernkraftwerk allein zehn in der Nähe von Stettin befanden, davon drei unmittelbar östlich von Schwedt an der Oder.

Die Wahrscheinlichkeit, dass dort tatsächlich gebaut wird, erscheint nach den jetzt vorliegenden Dokumenten allerdings gering. Sowohl die vom Warschauer Wirtschaftsministerium beauftragten Planer, als auch das Energiekonsortium PGE Energia Jadrowa, das die Anlagen betreiben soll, favorisieren Standorte an der Ostsee. Drei davon befinden sich in der Nähe von Danzig - rund 350 Kilometer von der Grenze entfernt - und zwei in der Nähe von Koszalin (Köslin), von wo es bis zur Oder aber auch nur knapp 200 Kilometer sind.

Die Notwendigkeit des Reaktorbaus, von denen der erste -wie es in dem Programm heißt - 2024 fertiggestellt sein soll, wird mit drei Hauptargumenten begründet: Dem steigenden Energiebedarf der polnischen Wirtschaft und Gesellschaft, der internationalen Forderung nach einer Reduzierung des Kohleanteils und dem politischen Ziel, sich von Gasimporten aus Russland unabhängiger zu machen zu wollen. Trotzdem wird für das Jahr 2030 die Prognose aufgestellt, dass dann immer noch 59 Prozent der polnischen Energie aus Stein- und Braunkohle und jeweils nur zwölf Prozent aus Kern- und Windkraft erzeugt werden.

Weiter heißt es: "Das Wirtschaftsministerium versteht und berücksichtigt die Befürchtungen der polnischen Gesellschaft und der betroffenen Nachbarstaaten in Hinsicht auf die Kernenergie. Es teilt jedoch nicht die Einschätzung des mit der Kernenergie in Polen verbundenen Risikos als inakzeptabel hoch." Zur Begründung wird in fast naiver Weise darauf verwiesen, dass in Polen keine solchen Gefahren bestünden, wie bei den Havarien in Tschernobyl oder Fukushima. Zum einen, weil es in Polen keine Erdbeben- oder Tsunamigefahr gäbe wie in Japan. Zum anderen, weil "ausschließlich die aktuell modernsten und sichersten kommerziell verfügbaren Techniken der Kernenergetik zum Einsatz kommen sollen". Dem Argument, dass es noch keine sicheren Endlager für Atommüll gäbe, wird damit begegnet, dass beispielsweise "Schweden ein Projekt der Tiefenlagerung radioaktiver Abfälle ausgearbeitet hat, das das Ergebnis einer 20-jährigen Arbeit ist".

Als größtes Problem für die Realisierung werden dagegen die hohen Investitionskosten genannt, die für ein Werk auf 12,5 Milliarden Euro geschätzt werden. Der frühere Regierungschef Donald Tusk hatte dies 2013 erstmals öffentlich eingeräumt und seinerzeit sogar von einer möglichen Verschiebung gesprochen. Unter dem Einfluss der Ukraine-Krise ist die Bereitschaft zur Finanzierung aber offenbar wieder größer geworden.

Ein Sprecher des Potsdamer Umweltministeriums bezeichnete die Veröffentlichung der Pläne als Möglichkeit, sich von dem Vorhaben des Nachbarlandes ein besseres Bild machen zu können. "Die Brandenburger Bedenken bestehen nach wie vor", sagte der Abteilungsleiter für Umwelt- und Klimaschutz, Günter Hälsig. Da Energiefragen jedoch national entschieden würden, habe man allerdings kaum Einfluss auf die Politik der Warschauer Regierung.

Polens Kernenergieprogramm im Netz: www.mlul.brandenburg.de/info/pkep/

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Till 29.12.2014 - 10:28:06

Vom (Nach-)denken wollen und können

Weder @Holger noch so manch anderer hier im Forum denken wirklich bis ans Ende. Es ist doch mehr als richtig, dass man zu aller erst einmal klären muss, wo der strahlende Rest am Ende sicher verwahrt werden kann. Auch Deutsche Politiker haben dies nicht getan und nun haben wir den Schlamassel in der Asse usw. Es ist ebenso schwachsinniges Parolendreschen, kommt man den Leuten mit den Segnungen der s.g. "Erneuerbaren Energien" in unseren Breiten als Ersatzlösung. Deren Wirkungsgrade und Umweltvernichtung ist doch nicht minder groß, wie die der AKW. Da strahlt hier nichts, nur halt 10.000 km entfernt in der Mongolei der Uranschlamm von der Neodymgewinnung für die Getriebelosen Generatoren der Windkraftwerke. Was aber hilft wirklich weiter? Enteignet die Stromkonzerne in ganz Europa und schaft ein Europäisches Verbundnetz mit Erzeugerquellen, die nach regionalen Gesichtspunkten für die Stromerzeugung die jeweils effektivste Quelle nutzen und beginnt endlich damit den Verbrauch abzusenken. Schaft die s.g. Subventionen für die Erzeugung ab und fördert Sparen. Das hilft immer und ist als einzige Lösung wirklich nachhaltig !

Otto Normalvwerbraucher 27.12.2014 - 14:51:50

Polnischer Atomstrom...

...der wird erst dann für mich interessant, wenn ich ihn für billiges Geld kaufen kann.

Holger 27.12.2014 - 12:08:26

Bau- und Folgekosten

Ohmann, die Polen sind nicht gerade die schlausten bzw. können nicht rechnen. Was das wieder kostet, sieht von doch in Deutschland...ich sage nur Endlagerung oder Zwischenlagerung, Millionen werden jedes Jahr schon alleine für Polizeieinsätze ausgegeben, um Demos zu beaufsichtigen. Mit dem Geld (auf die Jahre gerechnet) kann man Polen flächendeckend mit Solar- und Windernergieanlagen zupflastern. Aber da hätte der kleine Bürger wieder was davon, also wollen die Konzerne lieber ein AKW.

U.K. 27.12.2014 - 10:54:30

Grenze ist dicht

Jetzt haben die Kernkraftgegner ja alles erreicht, Deutschland steigt mit imensen Kosten aus der Kernenergie aus und macht sich global mal wieder zum Deppen und in unmittelbarer Nachbarschaft entsteht ein neues Kernkraftwerk welches nicht den hohen deutschen Sicherheitsstandarts entsprechen wird. Ich hoffe doch wenigstens, das diese Umweltaktivisten jetzt ihrer Verantwortung nachkommen und eine ständige Menschenkette mit "radioaktivitätsabweisenden Spruchbändern" entlang der Grenze aufbauen, um uns nachhaltig zu beschützen.

UweB 27.12.2014 - 01:48:11

Hauptsache nichts vom Russen???

"Es teilt jedoch nicht die Einschätzung des mit der Kernenergie in Polen verbundenen Risikos als inakzeptabel hoch." Zur Begründung wird in fast naiver Weise darauf verwiesen, dass in Polen keine solchen Gefahren bestünden, wie bei den Havarien in Tschernobyl oder Fukushima. Zum einen, weil es in Polen keine Erdbeben- oder Tsunamigefahr gäbe wie in Japan. Zum anderen, weil "ausschließlich die aktuell modernsten und sichersten kommerziell verfügbaren Techniken der Kernenergetik zum Einsatz kommen sollen". Dem Argument, dass es noch keine sicheren Endlager für Atommüll gäbe, wird damit begegnet, dass beispielsweise "Schweden ein Projekt der Tiefenlagerung radioaktiver Abfälle ausgearbeitet hat, das das Ergebnis einer 20-jährigen Arbeit ist"." Man darf wohl annehmen, dass der Wodkakonsum bei der Formulierung dieser Pseudoantworten in den Warschauer Ministerien besonders hoch gewesen sein muss, denn vermutlich musste man sich diese Antworten auch selbst erst einmal "schön saufen"... Aber was will man machen, die pathologische Angst vor dem östlichen Nachbarn fordert ihren Tribut... Auch das Fracking findet man ja in Polen trotz massiver Proteste von Umweltschützern in den politischen Kreisen - egal welcher Partei übrigens - eine ganz tolle Sache. Hauptsache man braucht kein russisches Gas mehr - hofft man...

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