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Ein Bericht über Ausgrabungen in einem Kriegsgefangenenlager hat bei 89 und 90 Jahre alten Lesern Erinnerungen geweckt

"Die Russen nannten uns Kamerad"

Reinhard Hentze aus Hennickendorf bei Rüdersdorf erinnert sich an das Kriegsgeschehen vor 70 Jahren.
Reinhard Hentze aus Hennickendorf bei Rüdersdorf erinnert sich an das Kriegsgeschehen vor 70 Jahren. © Foto: MOZ
Dietrich Schröder / 12.10.2017, 20:14 Uhr
Bernau/Rüdersdorf (MOZ) Vor Kurzem hat unsere Zeitung über Ausgrabungen in einem einstigen Kriegsgefangenenlager im polnischen Gorzów (dem früheren Landsberg/ Warthe) berichtet, bei denen jetzt 641 deutsche Leichen exhumiert wurden. Dieser Bericht weckte bei älteren Lesern besondere Erinnerungen.

"In dem Lager bin ich selbst gewesen. Von Juni bis August 1945, damals war ich 18 Jahre alt." Rudi Schinkel zeigt seine Erkennungsmarke, die er als Wehrmachtssoldat trug, und ein Foto von damals. Sogar den Entlassungsschein aus dem Lager in Gorzów - eine russische "Sprawka", mit der ihn die Sowjets am 21. August 1945 wieder nach Hause schickten, - hat der 90-Jährige aus Bernau bis heute aufbewahrt.

Der Bericht in unserer Zeitung hat ihn tief bewegt, aber auch etwas geärgert. Denn die polnischen Ausgräber, die die Leichen im September ausgegraben hatten, berichteten, dass einige Skelette Spuren von Misshandlungen aufwiesen. "Ich habe dort aber keine Misshandlungen im Lager erlebt", berichtet Schinkel. "Im Gegenteil: Wir konnten uns innerhalb des Lagers frei bewegen und wurden auch bei der Getreideernte eingesetzt. Die russischen Soldaten nannten uns sogar Kamerad. Nur wenn jemand abhauen wollte, haben sie geschossen."

Aber vielleicht hängen diese recht positiven Erinnerungen an die Lagerzeit auch mit den schrecklichen Dingen zusammen, die Schinkel in den Monaten zuvor erlebt hatte.

Noch als 17-Jähriger war er im März 1944 aus seinem Heimatort Biesenthal bei Bernau zu einem Pionierersatzbataillon einberufen worden. "Anfang 1945 mussten wir dann an die Ostfront. Aber weit sind wir nicht mehr gekommen, schon bald kamen uns die flüchtenden Menschen entgegen." Schinkel erinnert sich an den Bomben- und Granatbeschuss pommerscher Städte. "Nach 14 Tagen waren von unserer einst 100-Mann-Kompanie nur noch 20 übrig. Wir hatten 20 Tote, 30 Verletzte, der Rest wurde vermisst." Da er Schreibmaschine schreiben konnte, "musste ich immer diese schrecklichen Briefe an die Angehörigen tippen: Ihr Mann oder Sohn ist gefallen für Führer und Vaterland und wurde von seinen Kameraden begraben! Dabei waren viele Tote einfach verschwunden".

Als die Einheit auf dem Rückzug in die Nähe von Bernau kam, gelang es Schinkel sogar, zwei Nächte bei seiner Mutter und den jüngeren Brüdern zu übernachten. "Ganz abhauen konnte ich aber nicht, dann hätte mich die SA erschossen", berichtet er.

Nach seiner Gefangennahme durch die Sowjets am 4. Mai sollte er seine Familie noch ein weiteres Mal sehen, da ausgerechnet in Biesenthal ein Durchgangslager für die Deutschen eingerichtet wurde. "Wir liefen durch den Ort und meine Familie stand am Straßenrand. Als ich ihnen zeigte, dass meine Schuhe kaputt waren, rannten meine Brüder nach Hause, um neue zu holen. Einige Tage später ging es nach Landsberg." Von dort wurde Schinkel aber nach drei Monaten wieder nach Hause geschickt, weil er als nicht arbeitsfähig galt. Für Tausende andere ging es weiter zur Zwangsarbeit nach Sibirien.

In Landsberg gab es verschiedene Lager, auch eins, das dem sowjetischen Geheimdienst NKWD unterstand. Dass dort auch zahlreiche Insassen getötet wurden oder aus anderen Gründen ums Leben kamen, lässt sich nicht bestreiten. "Von etwa 4000 Deutschen gibt es bisher keine Spuren", berichtet der polnische Ausgräber Tomasz Czabanski.

Vermisst werden auch Frauen, etwa Marga Hoffmann, die aus Hennickendorf stammte, einem heutigen Ortsteil von Rüdersdorf. An ihrem Schicksal ist der heute 89-jährige Reinhard Hentze aus Hennickendorf interessiert.

Dafür gibt es mehrere Gründe: Freimütig berichtet der alte Mann davon, dass er als 16-Jähriger "zum Leidwesen meiner Eltern ein überzeugter Jungvolk-Fähnleinführer von Hennickendorf war". Im April 1945 habe er auf Befehl eines Wehrmacht-Leutnants 12- bis 15-jährige Jungs aus seinem Trupp nachts auf Beobachtungsposten geschickt, damit sie durchgebrochene sowjetische Panzer melden sollten. "Bis auf den heutigen Tag bin ich glücklich, dass keiner von diesen Jungs zu Schaden gekommen ist", sagt er und atmet dabei tief durch.

Ein Mann, der von 1939 bis 1945 Häftling im KZ Buchenwald war, habe ihm später die Augen über die Nazi-Diktatur geöffnet. Nachdem er in der DDR Lehrer war, kehrte er als Rentner zu seinen Jugenderlebnissen zurück und arbeitete die Geschehnisse von 1945 auf.

Marga Hoffmann war damals die Gemeindeschwester von Hennickendorf gewesen. Vermutlich wurde sie ins Landsberger Lager verschleppt, weil ihr Mann ein glühendes SA-Mitglied war. "Im Sommer 1945 ist sie dort von einem Hennickendorfer gesehen worden, der später wieder nach Hause kam", berichtete Schinkel. Die Frau soll schon damals sehr verstört gewesen sein. Danach verliert sich ihre Spur. Auch bei den jetzigen Ausgrabungen konnte nicht festgestellt werden, ob unter den 641 Leichen auch Frauen waren.

Mehr zu diesem Thema: www.moz.de/polen

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