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Doch wieder ausrotten? In der Debatte um die Wölfe in Brandenburg mehren sich die schrillen Töne

Die Urängste kehren zurück

Der Naturschutzbund (Nabu) erkennt an, dass Südbrandenburg flächendeckend vom Wolf besiedelt ist und verschließt nicht die Augen vor den Problemen.
Der Naturschutzbund (Nabu) erkennt an, dass Südbrandenburg flächendeckend vom Wolf besiedelt ist und verschließt nicht die Augen vor den Problemen. © Foto: dpa
Mathias Hausding / 12.10.2017, 20:19 Uhr - Aktualisiert 12.10.2017, 20:53
Potsdam (MOZ) Keine Woche ohne Nachrichten vom Wolf: In Bayern werden aus einem Gehege entlaufene Tiere zum Abschuss freigegeben, in Sachsen Gummigeschosse auf zahme Welpen abgefeuert. Und in Brandenburg liegen die Nerven der Bauern blank. Ausgerechnet der Nabu bemüht sich um Vermittlung.

Man muss Reinhard Jung nur einmal antippen, und schon geht er an die Decke. "Das ist ein Unding, eine ganz bewusste Täuschung der Öffentlichkeit über die tatsächliche Gefahrenlage", schimpft der Geschäftsführer des Bauernbunds. Worüber er sich so aufregt, ist eine Statistik auf den Seiten des Landesumweltamtes. Dort steht bei der Zahl der vom Wolf in diesem Jahr gerissenen Rinder eine 9. "Ich kenne einen Betrieb in Potsdam-Mittelmark, der hat allein schon 17 bestätigte Risse", sagt Jung.

Die Erklärung: Das Umweltamt hat es seit April nicht für nötig erachtet, die Seite zu aktualisieren. Jung vermutet Vorsatz dahinter, wie er auch sonst vielen Akteuren unterstellt, die Wahrheit zu unterdrücken und Wolfsschutz auf dem Rücken der Weidetierhalter zu betreiben. "Unsere Geduld ist am Ende", sagt er.

In Brandenburg gibt es 22 Wolfsrudel, fast die Hälfte aller Familien in Deutschland. Wobei auch diese Zahlen nicht aktuell sind und zudem nur jene Tiere einfließen, deren Existenz etwa durch Fotofallen sicher nachgewiesen ist. Werden Kameras gestohlen, was immer wieder passiert, gibt es in der Statistik eben keinen Wolf.

Der Naturschutzbund (Nabu) erkennt an, dass Südbrandenburg flächendeckend vom Wolf besiedelt ist und verschließt nicht die Augen vor den Problemen. Landesgeschäftsführerin Christiane Schröder betont immer wieder, dass der Wolf nicht heilig sei und Weidetierhaltung in Brandenburg weiter möglich sein müsse. Ausdrücklich befürwortet sie, dass verhaltensauffällige Wölfe erschossen werden können. Nur so könne man in der Bevölkerung die Akzeptanz für Wölfe sichern, lautet die Logik der Nabu-Chefin.

So findet sie es auch vertretbar, dass sechs jüngst aus einem Freigehege in Bayern entlaufene Wölfe zum Abschuss freigegeben wurden. "Wobei mir Fangen natürlich lieber wäre, wenn es geht. Aber die Wölfe, deren Gehege Unbekannte geöffnet haben, sind ganz anders sozialisiert als Tiere in freier Wildbahn. Für sie ist der Mensch der Futterbringer. Das kann jetzt gefährlich werden."

Für eine Naturschützerin lehnt sich Christiane Schröder zudem weit aus dem Fenster, wenn sie sagt, dass es auch jenen Wölfen, die wiederholt Weidetiere angreifen, an den Kragen gehen soll. Und doch winkt Reinhard Jung nur ab, wenn er das hört. Denn der Streit zwischen beiden Seiten ums Kleingedruckte ist dann wohl doch unüberbrückbar.

Schon bei der Frage, wie man einem bestimmten Wolf nachweisen soll, dass er nun zum wiederholten Mal eine Weide angreift, muss Christiane Schröder passen. Darf also jeder Wolf eines Rudels geschossen werden, wenn es in der Gegend Angriffe gab? Wahrscheinlich würde der Nabu hier am Ende zustimmen. Aber da ist im wahrsten Sinne des Wortes noch eine andere Hürde, nämlich die Zaunfrage, bei der sich Bauernchef Reinhard Jung unversöhnlich zeigt.

Sowohl der Nabu wie auch die seit einigen Monaten aktiven Wolfsbeauftragten des Landes Brandenburg predigen, dass die Nutztierhalter ihre Koppeln besser sichern müssten, zum Beispiel mit zusätzlichen Litzen, die Strom führen.

Jung, der in der Prignitz Rinder hält, will davon nichts wissen. "Das wäre ein Wettrüsten ohne Ende. Bei mir würde das 53000 Euro kosten. Das bezahlt mir niemand. Außerdem arbeite ich jeden Tag bis 21 Uhr. Ich habe keine Zeit, zum Wohl des Wolfes neue Zäune zu bauen." Seine Weide sei ausbruchsicher, mehr gehe nicht. Sobald sich der Wolf einer Herde auf weniger als 1000 Meter nähert, müsse er abgeschossen werden. So einfach sei das. "Ich könnte auch gut mit seiner Ausrottung leben. Aber wenn das nicht erwünscht ist, müssen wenigstens einzelne Abschüsse erlaubt sein", schiebt er hinterher.

Und dann kommt noch eine Aussage, die Reinhard Jung auf Nachfrage zwar wieder zurückzieht, die man aber dieser Tage doch immer häufiger in Brandenburg hört, zum Beispiel auch in einem aktuellen jägerfreundlichen Gutachten zur Problematik: "Warum soll sich der Wolf nicht Menschen holen, wenn keine Weidetiere mehr da sind?"

Die Antwort könnte lauten: Weil es keinen vernünftigen Grund, keinerlei statistische Belege für ein solches Risiko gibt. Aber gegen das Befeuern von Urängsten des Menschen sei kaum etwas auszurichten, hat Christiane Schröder beobachtet. In den vergangenen 50 Jahren habe es in Europa ganze neun Angriffe auf Menschen gegeben. Und manche davon seien noch auf Tollwut zurückzuführen gewesen oder darauf, dass die Tiere zuvor angefüttert wurden, sagt die Brandenburger Nabu-Geschäftsführerin. "Wer so ängstlich ist, dass er Wolfsangriffe fürchtet, dürfte nie in ein Auto steigen", findet Christiane Schröder.

Aber sie weiß, wie sehr das Thema Wolf polarisiert und zunehmend zum Thema in Wahlkämpfen wird. "Es ist für die Landesregierung nicht einfach, hier das Richtige zu tun." Und dann ist es ja durchaus so, dass auch wilde Wölfe den Experten mitunter Rätsel aufgeben. Im sächsischen Landkreis Bautzen gibt es derzeit eine Handvoll Welpen, denen die natürliche Scheu vor den Menschen fehlt. "Warum auch immer", sagt Christiane Schröder. Die Tiere sollen jetzt mit Gummigeschossen zur Räson gebracht werden. "Das ist ein Pilotprojekt. Ich bin gespannt, welche Ergebnisse es bringt."

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