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Der Angeklagte beteuert, dass er um das Wohl der von ihm überfahrenen Polizisten besorgt gewesen sei

Jan G. widerspricht den Zeugen

Hemd, Krawatte, Bomberjacke und Handschellen: Jan G. in Frankfurt (Oder) auf dem Weg zur Anklagebank.
Hemd, Krawatte, Bomberjacke und Handschellen: Jan G. in Frankfurt (Oder) auf dem Weg zur Anklagebank. © Foto: dpa/Patrick Pleul
Mathias Hausding / 18.10.2017, 19:43 Uhr - Aktualisiert 18.10.2017, 20:29
Frankfurt (Oder) (MOZ) Ein Vormittag mit drei Leichen und einem verletzten Tatverdächtigen - im Müllroser Mordprozess schilderten am Mittwoch Polizisten und Rettungsassistenten, wie sie den 28. Februar dieses Jahres erlebt haben. Auch der Angeklagte meldete sich erneut zu Wort.

Gegen 10.30 Uhr ging bei ihm auf dem Pieper die Meldung ein: "Hilflose Person in Müllrose". Thomas M., 50 Jahre alter Rettungsassistent aus Beeskow, machte sich mit einem Kollegen auf den Weg zum Haus von Marianne G. Unterwegs gab die Leitstelle genauere Informationen: "Es gab am Morgen am Einsatzort einen Streit." Und: "Der Nachbar ist dort und öffnet euch die Tür."

Im Haus bot sich den Rettern ein Bild der Verwüstung. "In der Küche war der Tisch kaputt, an der Heizung Blut, die Tür zum Bad eingetreten", sagte Thomas M. am Mittwoch als Zeuge vor dem Frankfurter Landgericht. Im Bad sahen sie schließlich die Leiche der 79-Jährigen am Boden liegen, "in einer bereits angetrockneten Blutlache". Auf dem Waschbecken lag ein Handy und spielte Musik. Thomas M. war klar, dass nichts mehr zu machen ist. "Wir haben noch ein EKG genommen und eine Null-Linie erhalten."

Zu diesem Zeitpunkt war an jenem Tag längst bekannt, dass der Tatverdächtige Jan G. mit dem Auto seiner getöteten Oma auf der Flucht ist. Wo genau, dass erfuhren die Rettungsassistenten, als sie zu ihrem nächsten Einsatz nach Oegeln an eine Landstraße gerufen wurden. Jan G. hatte dort auf seiner Flucht zwei Polizisten überfahren, die ihn mit einem Nagelgurt stoppen wollten. "Als wir eintrafen, waren schon andere Rettungswagen vor Ort", berichtete Thomas M. "Wir sahen die mit weißen Planen abgedeckten Leichenteile."

Die beiden Retter gingen ihren Kollegen bei einigen Arbeiten zur Hand, dann kam der nächste Notruf. Wenige Kilometer entfernt hatte sich ein Auto überschlagen, der Fahrer war verletzt. Es handelte sich um Jan G., den Thomas M. anschließend gemeinsam mit Polizisten und einem Notarzt im Krankenwagen in eine Klinik brachte. Auf der Fahrt sei Jan G. "laut, aggressiv und bestimmend" aufgetreten. Mehrmals habe er wissen wollen, wie es den Polizisten geht. "Nicht gut", sei die Antwort des Notarztes gewesen. "Was heißt das?", fragte Jan G. zurück, erhielt aber keine andere Antwort.

In den Augen der Sanitäter sei in seinen Fragen zu den Beamten "keine echte Sorge" zu erkennen gewesen. Thomas M. empfand die Situation als angespannt. "Ich habe gehofft, dass sie nicht eskaliert." Auch wenn Jan G. auf der Trage angeschnallt und seine Hände unter der Decke waren, habe er Sorge gehabt, dass es zu einem Gewaltausbruch kommen könnte, sagte der Retter vor Gericht.

Nach diesen Aussagen meldete sich der verärgert wirkende Angeklagte zu Wort, um diesen und den Ausführungen vorheriger Zeugen zu widersprechen. Zwar hatte sein Anwalt die Linie vorgegeben, dass sich der Angeklagte im Verfahren zunächst nicht äußert. Aber wie schon zum Prozessauftakt am Dienstag konnte sich der 25-Jährige nicht zurückhalten.

"Ich war um das Wohl der Polizisten besorgt, als ich mich nach ihnen erkundigt habe", betonte er. "Sonst hätte ich nicht zweimal gefragt." Außerdem beschwerte er sich über eine Notärztin, die am Mittwoch als Zeugin eher beiläufig fallen ließ, dass sie eine von sehr wenigen Ärztinnen im Frankfurter Klinikum sei, die noch nicht mit Jan G. zu tun gehabt habe. Eine solche Aussage sei unpassend, kritisierte er.

Ähnlich äußerte er sich über einen Polizisten, der wiederum von früheren Erlebnissen mit Jan G. berichten konnte. Es müsse so um das Jahr 2005 gewesen sein, der Angeklagte demnach etwa 13 Jahre alt, da habe sich seine Mutter bei der Polizei gemeldet, weil der Sohn ihr Auto entwendet habe. Einspruch von Jan G.: "Es gab damals dazu kein Verfahren."

Zwei Dinge wollte er noch loswerden, bevor er sich wieder der Linie seines Verteidigers anschloss, zu schweigen. So beklagte er sich, dass Medien Fotos von ihm verbreiten würden, ohne sein Gesicht etwa mit einem schwarzen Balken unkenntlich zu machen. Auch Aufnahmen aus Kindertagen seien darunter.

Und er kritisierte seine Mutter Leila G. dafür, dass sie dem Verfahren fernbleibt. "Es geht hier um ihre Mutter und ihren Sohn. Das muss sie doch interessieren." Ihr Anwalt Peter-Michael Diestel hatte am Dienstag erklärt, dass sich die Frau psychisch nicht in der Lage sehe, dem Verfahren zu folgen.

Hinzu kommt, dass sie nach dem gewaltsamen Tod ihrer Mutter und der Festnahme des Sohnes einen weiteren Schicksalsschlag verkraften musste. Am 17. August dieses Jahres ist ihr Lebensgefährte an Krebs gestorben.

Jener Hilmar S. sollte nach der ursprünglichen Planung am Mittwoch als Zeuge gehört werden. Er war es, der als Nachbar jenen Streit hörte, der für Marianne G. tödlich endete. Er war es, der schließlich die Rettungskräfte rief, als Jan G. das Haus seiner Oma verlassen hatte.

Die Vorsitzende Richterin Claudia Cottäus verlas am Mittwoch seine Aussage vom 28. Februar gegenüber der Polizei. Hilmar S. schilderte darin auch, wie Jan G. Familienmitglieder immer wieder bedrohte und körperlich attackierte, wie ihm Hausverbot erteilt wurde, er sich aber darüber hinwegsetzte. Einmal habe er die Oma in den Schwitzkasten genommen und gerufen: "Ich könnte dich jetzt töten." Wenig später hat er die schreckliche Ankündigung wahr gemacht.

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