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In der einstigen Festung Küstrin wurden Gegenstände des letzten deutschen Bürgermeisters gefunden

Ein Karabiner unterm Feldbett

Dietrich Schröder / 11.11.2017, 14:15 Uhr
Kostrzyn (Küstrin) Die einst gewaltige preußische Festung im heute polnischen Grenzort Kostrzyn erlebte in den ersten Monaten des Jahres 1945 ihren Untergang. Von der Altstadt sind nur noch Grundmauern erhalten. Dort gelang jetzt ein spektakulärer Fund.

Zwei verrostete Blechschachteln mit Rasierutensilien und eine noch ungeöffnete Flasche Kölnisch-Wasser. Dazu Nazi-Orden und ein stark verrosteter französischer Karabiner. "Das alles haben wir unter einem Feldbett gefunden, das im verschütteten Keller eines Hauses in der früheren Scharrnstraße stand", berichtet Krzysztof Socha. Der Pole ist als Archäologe im Museum der Festung Küstrin tätig.

Der Fund gelang vor drei Wochen bei einer Grabungsaktion mit Hobby-Historikern aus Posen. Zunächst hatte man gedacht, dass es sich um Gegenstände eines Wehrmachts- oder SS-Offiziers handelte. Denn in Küstrin, das am 25. Januar 1945 von Hitler zur Festung erklärt worden war, um den Ansturm der sowjetischen Armee auf Berlin zu stoppen, befanden sich Tausende Soldaten.

Den entscheidenden Hinweis fand man in einer ledernen Brieftasche. Darin lag zusammengefaltet ein Schreiben der Reichspropagandaleitung der NSDAP vom April 1943, das den damaligen Küstriner Bürgermeister Hermann Körner zu kostenlosen Fahrten mit der Deutschen Reichsbahn berechtigte. Denn Körner war auch Kreisleiter der Nazi-Partei in der Stadt an der Oder. "Wir sind also auf Gegenstände gestoßen, die dem letzten deutschen Bürgermeister von Küstrin gehörten", schlussfolgerten die Ausgräber. Eine kleine Sensation.

Körner, der 1907 in der Nähe von Hamburg geboren wurde (der Fund gelang fast auf den Tag 110 Jahre nach seiner Geburt), war ein ehrgeiziger Kommunalpolitiker gewesen, der sich neben seiner ersten Anstellung in Ratzeburg an der Verwaltungsakademie Berlin weiterbildete. 1934 übernahm er seine erste Bürgermeisterstelle in Werneuchen (Barnim) und soll damals Deutschlands jüngster Bürgermeister gewesen sein.

Kurz vor Kriegsausbruch 1939 erhielt er die Berufung nach Küs-trin. Die Rolle, die er dort in den schicksalsschweren Monaten Anfang 1945 spielte, ist von ihm nach dem Krieg - als er von 1951 bis 1971 Bürgermeister in der Gemeinde Reinbek bei Hamburg war - wahrscheinlich verklärt worden. In einer Biografie des Reinbeker Museumsvereins findet sich jedenfalls der Satz: "Als im Januar 1945 die Rote Armee Küstrin erreichte, hat der Bürgermeister, entgegen allen Befehlen, in eigener Verantwortung die Küstriner Zivilbevölkerung restlos evakuiert."

Aus einem Tagebuch, dass der damals 16-jährige Küstriner Hermann Thrams schrieb, ergibt sich ein ganz anderes Bild: Erst am 19. Februar - also drei Wochen nach den ersten Panzerangriffen der Roten Armee - wurde überhaupt mit Evakuierungen begonnen. "Die Behörden haben nichts unternommen, um erträglichere Verhältnisse zu schaffen. Nicht einmal, dass es wenigstens heißen Malzkaffee gibt, ist ihr Verdienst", heißt es in Thrams Notizen vom 20. Februar.

Dafür finden sich in der Notzeitung "Feste Küstrin" Körnersche Durchhalteparolen: "Notwendig ist, dass jeder Einzelne bis zum Äußersten seine Pflicht tut. ... Mag das harte Kriegsgeschehen auch schmerzende Narben im Stadtbild und in den einzelnen Familien zurücklassen, mögen auch unsere Mauern brechen, unsere Herzen werden stark bleiben."

Zur Abschreckung der Verteidiger wurde am 25. Februar ein Hauptwachtmeister der Flak öffentlich hingerichtet, der mit seiner 20-jährigen Freundin aus der Stadt fliehen wollte. Freilich muss auch gesagt werden, dass nicht Körner, sondern der SS-Gruppenführer Heinz Reinefarth als Festungskommandant die entscheidende Rolle spielte. Reinefarth hatte sich zuvor schon bei der blutigen Niederschlagung des Warschauer Aufstands den Beinamen "Schlächter von Warschau" erworben.

Als am 29. März 1945 der Fall der Festung unmittelbar bevorstand, brach der Kommandant entgegen Hitlers Befehl mit einem Teil der Truppen aus - zum Gefolge gehörte auch Hermann Körner. Mehrere Tausend deutsche und sowjetische Soldaten hatten bei den Kämpfen bis dahin schon ihr Leben gelassen.

Nach dem Krieg gibt es erstaunliche Parallelen: Reinefarth war von 1951 bis 1964 Bürgermeister von Westerland auf Sylt und saß sogar kurz im Kieler Landtag. Körner erhielt 1972 das Bundesverdienstkreuz, weil die Gemeinde Reinbek während seiner Amtszeit zur Stadt erhoben wurde. Bis heute ist in dem Vorort von Hamburg eine Straße nach ihm benannt.

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