Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Kampf um kulturelles Erbe der Lausitz

Sorbische Eltern bei der Übergabe der Petitions-Unterschriften an Ministerin Britta Ernst
Sorbische Eltern bei der Übergabe der Petitions-Unterschriften an Ministerin Britta Ernst © Foto: MOZ
Christopher Braemer / 14.11.2017, 19:58 Uhr
Cottbus (MOZ) Beim Besuch von Bildungsministerin Britta Ernst (SPD) am Niedersorbischen Gymnasium in Cottbus ging es vor allem um den Entwurf der neuen Sorben-Schulverordnung. Laut einem sorbischen Gremium sei er sogar eine Bedrohung für den Erhalt der Sprache. Nun soll er überarbeitet werden.

Sorbisch lernen ist Pflicht. Zumindest für die Schüler des Niedersorbischen Gymnasiums (NSG) in Cottbus. Es ist eine von insgesamt 23 Schulen in der Niederlausitz, in der Kinder aller Klassenstufen Sorbisch lernen. Das soll sich bald ändern. Laut dem Entwurf der neuen Schulverordnung sollen sich Schüler ohne Vorkenntnisse in der 3. Klasse zwischen Sorbisch oder Englisch als Fremdsprache entscheiden. "Klar, dass die Wahl dann auf Englisch fallen würde - Sorbisch bliebe außen vor", warnt Kathleen Komolka von der Elterninitiative zur Erhaltung des Sorbischunterrichts. Nur etwa jedes fünfte Kind habe Sorbisch-Vorkenntnisse und könnte so von der 1. Klasse an Sorbisch lernen. Komolka und andere Eltern wehren sich gegen den Entwurf, der in den letzten Monaten heiß diskutiert wurde. Sie sammelten in einer Onlinepetition über 30 000 Unterschriften.

"Die Schüler haben einen Anspruch auf den Unterricht. Auf einem hohen Niveau", sagt Komolka. "Sorbisch oder Englisch, das darf keine Frage sein." Die Eltern sind außerdem gegen jegliche Mindestzahlen für den Unterricht. Auch wenn ein Kind wegzieht oder wegen des Lerndrucks vom freiwilligen Zusatzfach abgemeldet werde, müssten die anderen Kindern weiter die Chance haben, Sorbisch zu lernen, sagt Komolka. Ihre vier Töchter gehen in einen sorbischen Kindergarten, eine sorbische Grundschule und in das NSG. "Sorbisch unterscheidet sich von anderen Fremdsprachen, muss besonders gefördert werden", weiß auch Tobias Geis, der neben Sorbisch auch Englisch am Gymnasium unterrichtet. Der Lehrer spürt das Interesse von seinen Schülern an der sorbischen Sprache und Kultur. Und wünscht sich gute Unterrichtsbedingungen, sprich Klassen mit fünf bis 15 Schülern. In kleineren Gruppen könne effektiver gelernt werden.

Das Gymnasium, an dem Geis unterrichtet, erhielt am Freitag hohen Besuch. Brandenburgs Bildungsministerin Britta Ernst hat sich selbst ein Bild vom Unterricht gemacht. "Es wurde konstruktiv miteinander geredet, viele offene Fragen konnten beantwortet werden", sagt Komolka. Ernst habe gegenüber der Elterninitiative versichert, dass der Entwurf der Sorben-Schulverordnung überarbeitet werden soll, bevor er dem Kabinett vorgelegt werde. Die niedersorbische Sprache müsse stabilisiert und zu neuem Leben erweckt werden.

Das hat sie auch bitter nötig: Die sorbische Sprache ist vom Aussterben bedroht. Schätzungen zufolge gibt es noch etwa 60 000 Sorben, von denen nur ein Drittel die westslawische Sprache beherrscht. Die Sorben kamen während der Völkerwanderung im 6. Jahrhundert in die Lausitz. In Brandenburg leben die Niedersorben, auch Wenden genannt, in Sachsen die Obersorben. Die Minderheit wurde von den Nationalsozialisten nicht verfolgt, aber repressiv angepasst. Identität, Sprache und Kultur sollten ausgelöscht werden. Darunter leiden die Sorben bis heute.

"Früher war es mit Angst und Scham behaftet, Sorbisch zu sprechen", weiß Komolka. Das habe dazu geführt, dass zwei Generationen Sorbisch fehlen. Heute ist das anders. Eltern setzen sich wieder in Kurse, um die Sprache zu erlernen. Und sie pflegen die Bräuche ihrer Großeltern. Die Kinder lernen Sorbisch vom Kindergarten bis zum Abitur. Dafür wolle sie weiter kämpfen.

Das Land hat in den vergangenen Jahren dazu beigetragen, die Kultur und Sprache der Minderheit besser zu schützen: 2014 verabschiedete das Land das Sorben/Wenden-Gesetz, 2015 fanden erstmals Wahlen für den Rat für Angelegenheiten der Sorben/Wenden beim Landtag statt, 2016 wurde der Landesplan zur Stärkung der niedersorbischen Sprache verabschiedet, und in diesem Jahr unterstützt das Land die Stiftung für das sorbische Volk mit 3,1 Millionen Euro.

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2017 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG