Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Sommersturm mit Folgen

Die brandenburgische Sozialministerin Diana Golze (Die Linke)
Die brandenburgische Sozialministerin Diana Golze (Die Linke) © Foto: dpa
Ulrich Thiessen / 14.11.2017, 20:36 Uhr
Rathenow (MOZ) Bei einem schweren Unwetter wäre Brandenburgs Sozialministerin Diana Golze (Linke) fast ums Leben gekommen.. Auf einem Campingplatz stürzte vor vier Monaten ein Baum auf ihr Zelt. Am Dienstag sprach die 42-Jährige erstmals öffentlich über den folgenschweren Unfall.

Diana Golze sieht zerbrechlich aus. Sie erhebt sich zur Begrüßung in einem Café in ihrer Heimatstadt Rathenow (Havelland) und man sieht, dass sie sich sehr vorsichtig bewegt. Neben ihr lehnen zwei Nordic-Walking-Stöcke. Bei längeren Strecken über das Pflaster geben sie Sicherheit, erklärt sie. Jeder unvorsichtige Schritt erinnert sie schmerzhaft an jenen 10. August an der italienischen Adriaküste.

Es war der Sommerurlaub mit Familie. Die neun und 13 Jahre alten Kinder bestehen auf Camping. In den vergangenen Jahren ging es zur Ostsee. "Zuletzt hatte ich den Eindruck, jeder dritte kommt dort aus dem Havelland", sagt die Ministerin. Ständig wurde sie erkannt und angesprochen. Also folgte die Familie dem Rat einer Nachbarin und wählten einen Campingplatz nördlich von Venedig für das nächste Urlaubsziel aus.

Es ist der 10. August, am Nachmittag nieselt es. Die Familie sitzt in ihrem großen Zelt als der Sturm losbricht. Draußen versucht ihr Mann das Vordach zu bergen. Sie und ihre Tochter halten, die Zeltstangen fest. Der Wind fährt unter den Boden des Zelts und kippt alles um. "Ich saß auf der Erde. Die Tochter auf der einen Seite von mir, der Sohn auf der anderen, die Zeltplane über uns", erinnert sich die 42-Jährige Ministerin beim Gespräch mit dieser Zeitung. Dann knickt der Sturm einen Baum um, der Diana Golze in den Rücken knallt. "Das Schlimmste war, dass ich meinen Kindern nicht helfen konnte als sie Angst bekamen", sagt sie rückblickend. Die beiden blieben unverletzt.

Es dauere 20 bis 30 Minuten, bis sie aus dem Zelt geschnitten und von der Last des Baums befreit wird. Ein Rettungshubschrauber bringt sie in eine Klinik. Bereits vorher sind zwei deutsche Rettungssanitäter, die auf dem Zeltplatz Urlaub machten, zur Stelle, vor Ort. Später wird in einigen Zeitungen stehen, dass sie mit einem Surfbrett zum Ufer getragen wurde. Das sei eine Legende, erklärt die Ministerin.

Diana Golze erzählt ruhig und sachlich vom Unfall, von der Notoperation in einer italienischen Spezialklinik und vom Flug wenige Tage später mit einer Linienmaschine - in einer Spezialkonstruktion über den Sitzen hängend. Mitunter klingt es, als schaue sie selbst noch staunend von außen auf das, was ihr da widerfahren ist.

Die gebürtige Uckermärkerin geht auch offen mit dem Befund um: ein Wirbel gebrochen, eine Bandscheibe kaputt, Seitenbänder gerissen, Lunge und Leber gequetscht. Und trotz allem noch Glück gehabt. "Die erste Zeit habe ich mich als Pechvogel gefühlt", sagt sie. Dann sei die Erkenntnis gekommen, dass es viel schlimmer hätte kommen können, wenn die Kinder verletzt worden wären.

Seit Monaten versucht die Linkenpolitikerin wieder den Körper zu stärken. Muskelaufbau, Bewegung. Das Ziel: Im nächsten Jahr mit der Familie nach Oberwiesenthal zur 3D-Bogen-Europameisterschaft (Schießen auf unterschiedliche Ziele in einem Geländeparcours). In diesem Juni waren alle vier noch in Florenz bei der Weltmeisterschaften in ihren jeweiligen Altersgruppen angetreten.

Die körperliche Wiederherstellung ist das Eine. Im Herbst, als die zwei Stürme über Brandenburg tobten, kamen die Erinnerungen. "Das Haus war sicher, das wusste ich. Aber ich konnte in dieser Situation nicht alleine sein", räumt Diana Golze ein.

Es gibt nichts Gutes an einem Unfall, aber wenn, so Golze, dann, dass man erkennt, wie toll Familie, Freunde und auch das berufliche Umfeld funktionieren. Letztes ist vor allem in den nächsten Tagen gefragt. Für Ministerinnen und Minister gibt es kein Hamburger Einstiegsmodell mit verringerter Stundenzahl zum Eingewöhnen nach längerer Auszeit.

Die wichtigen Termine werden doppelt abgesichert - sowohl im Kalender von Diana Golze als auch im Kalender von Staatssekretärin Almuth Hartwig-Tiedt. Wenn die Ministerin sich nicht gut fühlt, kann die Vertretung kurzfristig einspringen. Auf längere Autofahrten wie zum Runden Tisch gegen Kinderarmut nach Seelow (Märkisch-Oderland) will die Ministerin vorerst noch verzichten. Es wird ein Probieren sein, was geht und was nicht.

Im kommenden März steht noch eine Operation ins Haus. Einige der Metallteile, die das Rückgrat stützen, aber auch die Bewegung einschränken, müssen wieder entfernt werden. Schon im Krankenhaus in Italien, trotz erschwerter Kommunikation mit Onlineübersetzern, haben die Ärzte erklärt, dass eine fast hundertprozentige Wiederherstellung möglich ist.

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2017 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG