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Sarrazin legt nach

Berlin (DPA) Man kann Thilo Sarrazin nicht vorwerfen, er sei unehrlich bei der Begründung für sein skandalumtostes Buch. Endlich könne er aussprechen, was er schon immer besser wusste - so lässt sich eine Passage in der Einleitung deuten. In seinen 39 Berufsjahren als Beamter und Politiker musste Sarrazin seinen Chefs den Rücken freihalten. "Oftmals konnten subjektiv empfundene Wahrheiten nur dosiert vorgetragen werden", gesteht er sein jahrelanges Leiden. Nun legt er in Interviews zu seinem Buch nach und verstört mit Äußerungen über Gene bestimmter Völker und einen Genpool Europas auch bisherige Unterstützer. Für andere Thesen finden sich allerdings auch Verteidiger.

  Das Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank, Thilo Sarrazin © dpa

An diesem Montag stellt Sarrazin sein Buch "Deutschland schafft sich ab - Wie wir unser Land aufs Spiel setzen" in der Bundespressekonferenz vor. Beim Internetbuchhändler Amazon steht das Buch bereits auf Platz 1 der Verkaufsliste.   Die Vorwürfe gegen Sarrazin nehmen seit Tagen an Schärfe zu - Worte von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) machen am Sonntagabend deutlich, dass nun auch sein Posten als Bundesbank-Vorstand in Gefahr sein könnte. Sie sei sich "ganz sicher, dass man auch in der Bundesbank darüber sprechen wird", sagt in der ARD. Die Bundesbank sei für das ganze Land ein Aushängeschild - "nach innen wichtig, aber auch nach außen wichtig". Seiner These von einer Überfremdung Deutschlands durch integrationsunwillige Einwanderer aus islamisch geprägten Ländern wie der Türkei und arabischen Staaten konnten zunächst noch Politiker wie der frühere hessische Ministerpräsident Roland Koch (CDU) oder Peter Gauweiler (CSU) folgen. Die Empörung steigerte sich, als Sarrazin in Interviews Juden oder Basken eigene Gene zuordnete. Der Zentralrat der Juden in Deutschland, lehnte eine Definition von Juden über ihr Erbgut ab und sprach von "Rassenwahn".    Wie schon in seiner Zeit als provokationsfreudiger Berliner SPD- Finanzsenator beharrt Sarrazin bislang auf seiner Meinung und scheint den Aufruhr zu genießen. Er wolle das "große gesellschaftliche Bedürfnis nach ungeschminkter Wahrheit" befriedigen, schreibt er.

"FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher attestiert Sarrazin zwar, sicher kein Rassist zu sein. Mit den Hinweisen auf eine "katastrophale Einwanderungs- Familien- und Integrationspolitik" und deren Auswirkungen liege er richtig. Gleichzeitig verweist Schirrmacher aber in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" auf einen fatalen Irrweg, den Sarrazin mit seinen Buch einschlage.

Sarrazins Thesen zur Vererbung von Intelligenz seien höchst strittig, die Fragen wissenschaftlich ungeklärt. Er vermische Erbbiologie und Kultur und erneuere eine große Einwanderungs- und Intelligenzdebatte aus den USA vor 100 Jahren, so Schirrmacher. Inzwischen habe sich aber gezeigt, dass Bildung und die Förderung von Begabung und Talent auch schwierige Einwanderungsgruppen wie etwa die "muslimischen Milieus aufwecken könnte".    Sarrazin schreibt, Intelligenz sei laut Untersuchungen zwischen 40 und 80 Prozent vererbbar. Weil die im Durchschnitt weniger intelligente Unterschicht mehr Kinder bekomme, werde das Volk auf Dauer immer dümmer. Zudem befürchtet er das Ende der deutschen Kultur. Türkisch- oder arabischstämmige Familien hätten mehr Nachwuchs. In drei Generationen, also bis Ende des Jahrhunderts, drohe eine Mehrheit in der Bevölkerung, die der deutschen Kultur fernstehe. Sarrazin will dagegen die "westlichen Werte und die jeweilige kulturelle Eigenart der Völker" bewahren.

Ein Beispiel für das hilflose Agieren der Politik in der Debatte findet sich im aktuellen Berliner Stadtmagazin "Zitty", eigentlich ein Vorkämpfer für Multi-Kulti-Ideen. Es geht um deutsche Eltern aus dem links-alternativen Milieu, die gegen ihren Willen ihre langjährige Heimat Kreuzberg verlassen. Ihre Kinder werden in Schulen als einzige Deutsche und "Ungläubige" gemobbt und lernen nicht richtig Sprechen und Schreiben. Als die Sängerin der Band Wir sind Helden, Judith Holofernes, wegen ihres Sohnes verzweifelt, rät ihr die zuständige Grünen-Stadträtin, sich doch noch einmal nach Schulen umzusehen - und empfiehlt: "Keep cool Baby - alles wird gut."

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