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Maria Neuendorff 22.11.2011 23:22 Uhr - Aktualisiert 22.11.2011 23:24 Uhr

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DDR-Heimkinder: Zäher Kampf um Entschädigung

Fürstenwalde (MOZ) Isolationshaft, Hunger, Schläge, Arbeitszwang – die ehemaligen Insassen des Durchgangsheims Bad Freienwalde haben alle ähnliche Geschichten zu erzählen. Gestern kamen erstmals frühere Heimkinder in Fürstenwalde (Oder-Spree) offiziell zusammen, um einen Landesverein zu gründen.

  © moz

Wenn André Pahl an Bad Freienwalde denkt, dann fühlt er vor allem Hunger. „Als 13-Jähriger isst man doch normalerweise wie ein Scheunendrescher, da reichten die zwei Schmalzbrote nicht, die sie einem pro Tag ohne Mittagessen hingeschmissen haben“, sagt der Beeskower. Die Stullen im Durchgangsheim seien zudem so versalzen gewesen, dass die eine erlaubte Tasse Tee den unerträglichen Durst nie löschen konnte.

Die versalzenen Schmalzstullen kennen alle, die sich an diesem Tag in dem kleinen vietnamesischen Restaurant in Fürstenwalde treffen. Der Besitzer hat den ehemaligen Heimkindern den Raum kostenlos zur Verfügung gestellt. Der Verein, der sich gestern dort gründet hat, hat kein Budget. „Viele Betroffene konnten sich die Anfahrt hierher gar nicht leisten, ihnen werden wir die Satzung zuschicken“, berichtet Vereinsvorsitzende Norda Krauel.

Für manchen der zwölf Neu-Mitglieder ist das erste Treffen auch so etwas wie ein erstes Kennenlernen. Viele haben sich bisher nur über das Internet ausgetauscht. Und bevor die ersten Tagesordnungspunkte besprochen werden, erzählt jeder noch einmal kurz seine Geschichte.

André Pahl zum Beispiel ist immer wieder aus verschiedenen Heimen abgehauen, um zu seiner Oma durchzubrennen. 1979 steckt man ihn ins Durchgangsheim nach Bad Freienwalde, wo Kinder und Jugendliche in Zellen mit vergitterten Fenstern und Türen ohne Klinken untergebracht sind. „Plötzlich war ich im Gefängnis, ohne Post und Verbindung nach draußen. Ich habe nur noch in der Ecke gesessen und geheult.“ Obwohl er erst 13 Jahre alt ist, muss er wie die anderen Insassen Lampenfassungen montieren.

Dass es in den Durchgangs-, Spezialheimen und Jugendwerkhöfen der DDR neben Einzelarrest und körperlicher Züchtigung Kinderarbeit gab, bestätigt auch Petra Morawe. Die Bürgerberaterin zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur hat Dokumente gesammelt, die belegen, dass unter anderem im Jahr 1979 zwischen dem Heim Bad Freienwalde und dem VEB-Schiffarmaturen und Leuchtenbau Eberswalde-Finow ein sogenannter Arbeitsvertrag bestand. „Statt der gesetzlich zugesicherten altersgerechten Beschulung und Ausbildung wurden die Kinder und Jugendlichen verpflichtet, einen Teil der Kosten ihrer Heimunterbringung selbst zu erarbeiten“, schreibt Petra Morawe in ihrem Recherche-Bericht. In den Haushaltsunterlagen werde der Arbeit der Kinder sogar ein volkswirtschaftlicher Nutzen zugeschrieben.

Einen Schulabschluss oder eine Berufsausbildung haben dagegen die wenigsten erlangen dürfen. Robby Basler, der als Jugendlicher 16 Monate in einem Jugendwerkhof in Mecklenburg-Vorpommern einsaß, sieht darin eine klare Menschenrechtsverletzung. Der Fotograf, der heute in Frankfurt am Main lebt, ist extra angereist, um die Brandenburger bei der Vereinsgründung zu unterstützen. In Hessen gibt es schon ?einen Demo-Verein. Die Abkürzung steht für „die ehemals minderjährigen Opfer“ von staatlicher Gewalt oder politischer Willkür.„Unser Ziel ist ein bundesweiter Dachverband, dessen Mitglieder mit der Politik in Entschädigungsverhandlungen treten können“, erklärt Basler.

Bisher waren die Betroffenen in Brandenburg eher Einzelkämpfer. Die meisten haben auf ihre Bitte um Rehabilitation ablehnende Bescheide von den Gerichten erhalten. Mehrere haben inzwischen Verfassungsbeschwerde eingereicht. „Wenn man liest, dass die Überprüfung der Richter auf frühere Stasitätigkeit der Geheimhaltung unterliegt, dann fragt man sich schon, wem man da im Gerichtssaal eigentlich gegenübersitzt“, sagt Norda Krauel.

Betroffene können über Norda Krauel Kontakt zum Verein aufnehmen: norda.krauel@web.de. Weitere Infos unter www.demo.byme-magazin.de

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