Über der Mündung der Warthe in die Oder geht gerade die Sonne auf. Fischreiher säumen die Ufer beider Flüsse, am Himmel streben Vogelschwärme wärmeren Gefilden zu. Und mitten in diesem Bild fährt ein etwa 25 Meter langes Schiff die Oder hinauf. Romantischer könnte es an einem Oktobermorgen kaum sein.
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"Stromaufwärts schaffen wir um die acht bis neun Kilometer pro Stunde, stromabwärts geht es doppelt so schnell", erläutert Tadeusz Rachudala. Der polnische Kapitän hat zwar schon weiße Haare, sein Alter von 74 Jahren sieht man ihm trotzdem nicht an. "Nach so vielen Jahren kann ich endlich mal wieder auf der Oder fahren", schwärmt er. In seiner Jugend habe er Steinkohle, Kies und andere Güter aus Polen ins damalige Westberlin gefahren. "Die Grenz- und Zollkontrollen dauerten ewig", erinnert er sich. Später war er viele Jahre auf dem Rhein, aber auch auf den Weltmeeren zugange.
Seit vergangener Woche aber nimmt er Passagiere an Bord des neuen Schiffes "Zefir". Zuerst in Krosno Odrzanskie (Crossen), dann in Slubice und Küstrin und heute in Eisenhüttenstadt. Das im Rahmen des EU-Projektes "Oder für Touristen 2014" gebaute Schiff befindet sich auf seiner Jungfern- und Werbefahrt. Gemeinsam mit einem zweiten Boot namens "Laguna", das allerdings weiter flussaufwärts zwischen Glogów (Glogau) und Cigacice (Tschicherzig) verkehrt.
"Das Interesse der Leute ist riesengroß", berichtet der 42-jährige Marek Barbara. Auch er besitzt den Kapitänsrang, hat aber das Flusspatent für die Oder noch nicht erworben. "Als wir am vergangenen Wochenende von Slubice aus Touren anboten, kamen auch viele Deutsche. Manche waren so begeistert, dass sie gleich zwei Touren zu vier Euro buchten", erzählt er.
Heute nun soll es vom Bollwerk im Eisenhüttenstädter Ortsteil Fürstenberg vier Fahrten geben, um 10, 12, 14 und 16 Uhr. Am Sonnabendmittag steht dann in Krosno die große Schiffstaufe an, aber auch dort wird man wieder fahren können. "Eigentlich wollten wir schon im Mai mit diesen Angeboten beginnen. Aber dann verzögerten sich die Arbeiten auf der Werft", berichtet Andrzej Pilimon. Er leitet den Verein, der die Schiffe betreibt.
Ab dem kommenden Frühjahr soll es einen regelmäßigen Fahrplan für die beiden Gefährte geben, die jeweils bis zu 92 Passagieren Platz bieten. Bisher gibt es an Bord nur Getränke und Süßigkeiten, ab 2014 sollen auch herzhaftere Dinge hinzukommen.
Die Ruhe auf dem Fluss bietet Gelegenheit mit dem 74-jährigen Rachudala ins Plaudern zu kommen. Er beschreibt dabei den Bogen seines Lebens: "Als ich im September 1939 geboren wurde, hatte gerade der Zweite Weltkrieg begonnen. Sehr viele Jahrzehnte später befreundete ich mich in Hamburg mit einem deutschen Kapitän, sodass er mich mal in Polen besuchte. Er brachte seinen Sohn mit, und wie es das Schicksal wollte, verliebte der sich in meine Tochter. Jetzt haben meine Frau und ich zwei Enkeltöchter, die zur Hälfte Deutsche und Polen sind. Na und die Kontrollen an der Grenze gibt es auch schon lange nicht mehr."
Trotzdem war der erfahrene Kapitän etwas traurig, als er auf der viertägigen Fahrt von der Werft bei Breslau bis nach Krosno kaum einem anderen Schiff begegnete. "Noch in den 1980er-Jahren fuhren allein 150 polnische Schubschiffe und 300 Barkassen auf der Oder", erinnert er sich. Jetzt werde nicht einmal mehr die Fahrrinne des Flusses regelmäßig ausgebaggert. Damit sich daran etwas ändert, haben ehemalige und aktuelle polnische Schiffsführer kürzlich einen "Kapitänsrat" gegründet, der sich als Lobby-Organisation für die Binnenschifffahrt versteht. "Gemeinsam mit den Deutschen müssen wir es schaffen, dass wieder mehr Schiffe auf der Oder fahren", sagt Rachudala.