Als Franziska Schubert und ihr Mann Martin am Sonnabendvormittag dem Zamperzug in Merzdorf hinterhereilen, der mit Pauken und Trompeten den Winter austreiben will, passiert es: Aus einem kleinen Wäldchen mitten im Dorfkern springt ein Wolf hervor. Die Schuberts bleiben stehen. "Mein Mann hat gesagt: "Mach schnell ein Foto'", erinnert sich Franziska Schubert. Die Ergotherapeutin zückt ihr Handy und knipst. "Die Bilder habe ich dann gleich an die Polizei und das Landesumweltamt geschickt", sagt die 29-Jährige.
Noch am Sonntag fährt Steffen Butzeck in den Ort zwischen der Cottbuser Stadtgrenze und dem Tagebau Jänschwalde. Butzeck ist Wildbiologe im Landesumweltamt. Im Gepäck hat er jede Menge Info-Material, wie die Merzdorfer mit dem Wolf umgehen sollen, wenn sie ihn denn treffen. "Am besten, man macht sich bemerkbar, dann wird das Tier von alleine fliehen", sagt Butzeck, der jetzt auf der Suche nach dem Wolf ist. "Wir kümmern uns um das Tier. Und darum, dass es wieder zurückkehrt, wo es hingehört, nämlich in die Wildnis", sagt der Biologe. Bisher ist der Wolf nicht wieder aufgetaucht.
Bereits vor dem vergangenen Wochenende sind rund um Cottbus immer wieder Wölfe gesehen worden. Vor allem die Wälder, die an den Süden und Osten der Stadt grenzen, sind seit langem Lebensraum für verschiedene Rudel und Einzeltiere, wie das Landesumweltamt nachgewiesen hat.
Selbst der Polizei, die bei Merzdorf ihre Hundeführerausbildung macht, sind bereits Tiere über den Weg gelaufen. Torsten Wendt, Sprecher der Inspektion Cottbus, berichtet von einer Begegnung Anfang des Monats: "Ein Fährtenleser traute seinen Augen nicht. Ein Wolf sonnte sich gemütlich in der Februarsonne." Wie auch die Schuberts in Merzdorf kamen die Polizisten aber nicht direkt an das Tier heran. Dass nun ein Wolf mitten in einem Dorf über die Straße läuft, "ist außergewöhnlich, aber nichts Beunruhigendes", sagt Biologe Steffen Butzeck, der auf die naheliegenden Freiflächen Richtung Tagebaugebiet verweist, wo Wölfe keine Nahrung finden und sich deshalb ins Umland schlagen würden.
Erst vor gut einer Woche sind dem Landesumweltamt zwei tote Tiere übermittelt worden. Ein Wolf war bei Tauer, nördlich von Cottbus, von einem Auto überfahren worden. Der andere lief bei Jänschwalde auf die Schienen, wo ihn ein Zug erfasste. Die Kadaver brachten Butzeck und seine Kollegen ins Institut für Wildtierforschung nach Berlin. Dort werden sie nun untersucht. Die Gesamtzahl der Wölfe in Brandenburg schätzt Steffen Butzeck derzeit auf "unter 100 Tiere".