Eisenhütten ... - was? Eisenhüttenstadt? Wo liegt denn das? Nicht mal die Hälfte aller Deutschen kann mit diesem Namen etwas anfangen. Doch nun wissen sogar Millionen US-Amerikaner, dass es Eisenhüttenstadt auf der Landkarte gibt und dass diese Stadt in "Good old Germany" sehr wohl etwas Besonderes sein muss. Schließlich war Hollywoodstar Tom Hanks da, ganz privat. Als Tourist spazierte der Oscar-Preisträger inkognito mit Wollmütze und Brille am 8. Dezember zwei Stunden durch das größte Flächendenkmal Europas. Von diesem Ausflug schwärmt der 55-Jährige auch noch nach seiner Rückkehr in die USA. Und zwar nicht irgendwo im stillen Kämmerlein, sondern in der Fernseh-Show von Talkmaster-Urgestein David Letterman.
In dessen New Yorker Studio, in dem schon Stars wie Madonna Zigarre pafften und über ihre neuesten Film- oder Plattenprojekte plauderten und in dem selbst US-Präsident Barack Obama Rede und Antwort stand, zeigt Tom Hanks nun vor etwa acht Millionen Fernsehzuschauern selbst gemachte Fotos von "Eisenhuttenstadt". Wenn das nicht wie ein Ritterschlag ist ...
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"Eisenhuttenstadt? Ich weiß nicht, was das ist", wundert sich Moderator David Letterman (64), als Tom Hanks erzählt, dass er sich an einem freien Tag während der Dreharbeiten zu seinem neuen Film "Cloud Atlas" (Wolkenatlas) von Berlin dorthin fahren ließ. Nein, eigentlich sind er und seine Bekannten in dem VW-Transporter "California" ja über die deutschen Autobahnen geflogen, die so gerade und flach seien wie Landebahnen. "Egal, wie schnell du in Deutschland fährst, es fährt immer einer schneller", staunt der Amerikaner über die Abschnitte ohne Geschwindigkeitsbegrenzung. Und wenn dort einer überholt, dann klingt das für Tom Hanks nicht wie Sebastian Vettels Formel-1-Schlitten auf der Zielgeraden, sondern eher wie der Aufschrei eines Karatekämpfers, der gerade Mauersteine halbiert. "Faszinierend", entfährt es dem Schauspieler. Doch ebenso fasziniert scheint er von Eisenhüttenstadt zu sein.
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"Das ist eine Modellstadt, die 1953 von den Kommunisten erbaut wurde, um den Menschen das großartige und wundervolle Leben zu zeigen, das es im Sozialismus geben wird", klärt er Letterman und seine Landsleute auf. Dass er sich dabei ein wenig in der Jahreszahl irrt - der symbolische Axthieb für den Aufbau von Werk und Wohnstadt fiel bereits im August 1950 - sei ihm verziehen. Denn 1953 markiert sehr wohl ein wichtiges Datum. In diesem Jahr wurde die bis dahin namenlose Wohnstadt nämlich Stalinstadt getauft, bevor 1961 Eisenhüttenstadt daraus wurde. Die Geschichte dieser Musterstadt, die er zuvor von Bekannten gehört hatte, ließ Tom Hanks nicht mehr los. Er wollte all das live sehen, also machte er sich auf den Weg nach "Iron-Hut-City" - so die Übersetzung, die er Letterman liefert und die er in "Iron-Work-City" konkretisiert, was so viel heißt wie "Eisen-Arbeit-Stadt", "weil die Stadt für all die Menschen gebaut wurde, die im Roheisenwerk arbeiteten".
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"In den alten Zeiten, als es noch Stalinstadt hieß, da hatten die Häuser keine Farbe", erzählt er und zeigt das Bild eines noch nicht sanierten Wohnhauses. Ein Schnappschuss, auf dem auch er bis zur Nasenspitze verewigt ist - als Beweis, dass er, Tom Hanks, sie tatsächlich gesehen hat, die erste sozialistische und jüngste Stadt auf deutschem Boden. Gleiches wiederholt sich auf dem nächsten Foto, das vor menschenleerer Kulisse eine der ersten Kaufhallen zeigt. "Das ist ein sozialistisches Geschäft, in dem du deine Orangen für Weihnachten und deine vietnamesischen Socken im Frühling kaufen konntest", witzelt der Schauspieler. Auf seinem Rundgang mit dem Stadtführer, den er "sehr nett" nennt, dürfte er auch erfahren haben, dass einst jedes Wohngebiet der Stadt eine eigene Kaufhalle hatte. Und bei ihm ist auch hängengeblieben, dass Eisenhüttenstadt in "Wohnkomplexe" aufgeteilt ist - sieben an der Zahl. Er selbst hat nur die ersten vier, die ursprünglich geplant waren, durchlaufen und spricht von einem "erstaunlichen Ort für Architektur". Ein Lob für die Stadtplaner hatte er bereits bei seinem Überraschungsbesuch parat.
Als Letterman von ihm wissen will, ob Eisenhüttenstadt der Stolz eines Landes aus dem sozialistischen Block war, antwortet Hanks: "Die Menschen konnten dort leben, arbeiten, tanzen und einkaufen und das Leben lieben." Und ja, trotz des vielen Zements sei es ein wunderbarer Ort, an dem noch immer Menschen leben und in dem viel erneuert wird für Jung und Alt. Er habe es genossen, dort zu sein.
Auch wenn hinter seiner Brille hin und wieder Fragezeichen aus den Augen schossen - beispielsweise als er dieses blaue Schild entdeckte, das er natürlich auch auf einem Foto festgehalten hat. "So ein Haus", Hanks zeigt auf das weiße Symbol, "gibt es nirgendwo in Eisenhüttenstadt, und so ein Auto auch nicht". Ohne zu wissen, dass es sich um die Nachwende-Variante eines Spielstraßen-Schildes handelt, spekulieren er und Letterman nun, ob es sich vielleicht um ein kommunistisches Hundeverbotszeichen handeln könnte, das auf subtile Art sagt: Es ist erlaubt ein Kind, ein Auto und ein Haus zu haben, aber sonst nichts. Das Publikum im Studio feiert. "Nein, nein, ich mache nur Spaß. Ich hatte eine großartige Zeit da", versichert Hanks und erwähnt auch sein Treffen mit Frau "Börgermeister". "Ich werde wieder nach Eisenhüttenstadt kommen", verspricht er vor laufenden Kameras. Das sitzt. Und bei manchem Amerikaner dürfte auch Interesse geweckt sein, vor allem weil Letterman Eisenhüttenstadt in einem Atemzug mit Disneyland nennt.
Die Reaktionen auf die TV-Show im Internet sind schon jetzt erstaunlich: Sätze wie "Eisenhüttenstadt ist meine Heimat und ich find's toll da" und "Ich bin stolz darauf, in Eisenhüttenstadt geboren zu sein", waren vor dem Besuch des Hollywoodstars so gut wie nie zu hören. Danke, Tom Hanks! Vielleicht wird jetzt endlich allen 30000 Einheimischen klar: Eisenhüttenstadt hat nicht nur Eisen und Hütten zu bieten, sondern eine einzigartige Geschichte.