Herr Botschafter, Polens EU-Ratspräsidentschaft war von der Finanzkrise geprägt. Standen Sie als Land ohne den Euro dabei nicht oft im Abseits?
Dieses Gefühl hatte ich nicht. Wir haben uns für alle Maßnahmen eingesetzt, die zu mehr Haushaltsstabilität in der gesamten EU führen sollen. Und es ist uns gelungen, dafür eine Mehrheit zu organisieren. Leider ist es uns allen gemeinsam noch nicht gelungen, auch die Finanzmärkte zu beruhigen.
Polens Regierungschef Donald Tusk versucht, sein Land mit zu den Entscheidern in der EU zu machen. Dafür wird er zu Hause aber auch als Gefolgsmann von Merkel und Sarkozy kritisiert.
Polen hat sich für Lösungen stark gemacht, die eine Aufspaltung der EU in eine Euro-Gruppe und die Länder ohne den Euro verhindern. Es ist auch unserer Hartnäckigkeit zu verdanken, dass letztlich ein Stabilitätskonzept erreicht wurde, welches den Nicht-Euro-Ländern offen steht.
Ist es nicht widersprüchlich, wenn Tusk zwar erklärt, dass der Euro in Polen eingeführt werden soll, aber kein konkretes Datum dafür nennt?
Wir haben deutlich gemacht, dass wir die Beitrittskriterien in der Legislaturperiode der gerade wiedergewählten Regierung erreichen wollen. Ein konkretes Datum zu nennen, wäre derzeit zu spekulativ.
Polen hat die Wirtschafts- und Finanzkrise bisher gut überstanden hat. Erntet man jetzt die Früchte der Reformen die 1989 durchgeführt wurden?
Unser damaliger Finanzminister Leszek Balcerowicz hat 1989 gesagt: „Es gibt zwei Wege für uns. Der eine ist riskant, der andere hoffnungslos.“ Die Regierung wählte die riskanten, weil fundamentalen Reformen. Doch jetzt war unsere Wirtschaft verhältnismäßig gut für die Krise gerüstet. Polen hat auch Vorschriften wie etwa die Schuldenbremse in seiner Verfassung, die heute dem Rest Europas empfohlen werden.
Wechseln wir das Thema. Sind Sie Fußballfan?
Ja, ich habe sogar mal bei einer Mannschaft in unserer vierten Liga gespielt.
Ist es nicht schade, dass Deutschland nicht für eine EM-Vorrundengruppe in Polen ausgelost wurde?
Immerhin wird das deutsche Team sein Quartier bei uns in Danzig nehmen. Und falls auch unsere Mannschaft die Vorrunde übersteht - was ich natürlich hoffe - treffen wir vielleicht im Viertelfinale in Warschau oder Danzig aufeinander.
Welche Erwartungen haben Sie an dieses Sportereignis?
Na ja, wir haben nicht alle Pläne erfüllt, die wir uns für die Entwicklung der Infrastruktur gestellt hatten, zum Beispiel wurden nicht alle Autobahnen gebaut. Aber die wichtigsten Verbindungen sind fertig und auch die Stadien sind toll geworden. Ich denke, dass die Anstrengungen, die wir zur Vorbereitung der EM unternommen haben, neue Maßstäbe für den weiteren Modernisierungsprozess des Landes setzen.
Nächster Themenwechsel. Die Diebstähle insbesondere von Autos sind gerade in der deutschen Grenzregion ein großes Problem. Wie wird dieses Problem von polnischer Seite betrachtet?
Wir standen auch in Polen vor diesem Problem des zunehmenden Autodiebstahls. 1999 wurden im gesamten Land fast 72000 Autos gestohlen. Wir haben dann immer gedrängt, dass die Polizei besser arbeitet. Und 2010 wurden bei uns nur noch 16500 Autos gestohlen.
Ich wollte darauf hinaus, ob man wahrnimmt, dass in Deutschland viele Autos von polnischen Tätern gestohlen werden? Und dass sich das ja auf unsere Beziehungen auswirkt?
Und ich will sagen, dass es zunächst ein Problem der Polizei des Landes ist, in dem die Autos gestohlen werden. Sie muss damit besser fertig werden. Vielleicht ist es ja noch zu einfach, in Deutschland Autos zu stehlen?
Es gibt Expertengruppen in den Polizeikommandanturen unserer Grenzwojewodschaften, die mit der deutschen Polizei zusammen arbeiten. Ich höre darüber viel Positives. Die polnische Polizei hat zur Bekämpfung der Autodiebstähle sehr auf Prävention gesetzt. Und ich denke, es hilft in dieser Frage weniger, über die Belastung der politischen Beziehungen zu sprechen, als mehr für die Prävention zu tun.
Ein anderes Problem sind die Pläne Ihres Landes zum Bau von Atomkraftwerken. Speziell in der Uckermark gibt es eine Initiative dagegen.
Beschäftigt sich diese Gruppe auch mit den Plänen für ein Atomkraftwerk in Kaliningrad, oder nur mit denen in Polen?
Ich glaube, sie versucht erstmal mit der polnischen Bevölkerung in Kontakt zu treten, um dort ein Risikobewusstsein zu schaffen.
Ok. Die zwei Atomkraftwerke in der Nähe von Danzig sind im Gespräch, weil wir auf einen Energiemix angewiesen sind. Es gibt die Meinung, dass wir ohne Atomkraft nicht zugleich die Emissionsauflagen der EU erfüllen und den wachsenden Energiebedarf unseres Landes decken können. Auf der anderen Seite gibt es eine sehr kritische Debatte über die Atomkraft.
Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass in Polen ein Atomkraftwerk gebaut wird?
Sie wissen vielleicht, dass in Zarnowiec bei Danzig schon ein halb gebautes Atomkraftwerk steht. Dessen Fertigstellung wurde vor etwa 20 Jahren von einer sehr lautstarken Öffentlichkeit gestoppt. Daran sehen Sie, wie aktiv unsere Bevölkerung in solchen Dingen sein kann. Aber es wird tatsächlich eine harte Debatte über die Energiefragen insgesamt und auch über die Kosten eines Atomkraftwerkes bei uns geben.
Herr Prawda, Sie sind seit über fünf Jahren Botschafter in Deutschland. Was hat sich am stärksten geändert?
Ich werde jetzt viel häufiger nach der Schuldenbremse gefragt, als nach dem Zentrum gegen Vertreibungen. Und das ist sehr gut. Je mehr es in unseren Beziehungen um Europa geht, um so weniger provinziell sind sie. Ich sehe gute Chancen, dass wir zu einem Stadium übergehen, in denen Deutsche und Polen gemeinsam einen Mehrwert für Europa schaffen. Polen hat viel Solidarität von Europa erfahren. Es hat sich durch die Mitgliedschaft in der EU stark verändert. Aber auch unsere Beziehungen haben sich dadurch sehr verändert.