Der Auftrag des Landtags an die Regierung war eindeutig. Nach dem Scheitern der Volksinitiative zur Rettung von Brandenburgs Alleen verlangte das Parlament im Jahre 2011 eine Bestandsaufnahme sowie ein konkretes und langfristiges Konzept für die Finanzierung des Alleenschutzes. Mehr als ein Jahr nach Fristablauf befindet sich der Entwurf dafür nach wie vor in der sogenannten Ressortabstimmung, wie Jens-Uwe Schade, Sprecher des Verkehrsministeriums, am Freitag einräumte. "In einer der nächsten Sitzungen des Verkehrsausschusses wird der Entwurf vorgestellt", verspricht Schade.
Ärgerlich sei die Verzögerung, sagt der bündnisgrüne Verkehrsexperte Michael Jungclaus. "Wir wollen endlich wissen, wie sich die Landesregierung den Alleenschutz vorstellt." Die Verzögerungen seien Beleg dafür, "dass sich die beteiligten Ministerien nicht einig sind und dass die Alleen auf der Prioritätenliste der Landesregierung hinten anstehen", kritisierte Jungclaus. Er habe die Sorge, dass der Alleenschutz mit Verweis auf die Kosten "unter die Räder kommt".
Kern des Problems ist, dass altersbedingt immer mehr Alleebäume gefällt werden müssen. Das aktuelle Konzept sieht vor, die Zahl der Nachpflanzungen von der Zahl der Fällungen zu entkoppeln und jährlich 5000 Bäume zu pflanzen. Da aber pro Jahr teilweise fast doppelt so viele Bäume verschwinden, leidet der Bestand. So kam es zur Volksinitiative, die jenes Konzept als verheerend geißelte und einen 1:1-Austausch von alten und neuen Bäumen forderte.
Aber das ist teuer. Rund 500 Euro kostet laut Alleenkonzept ein neuer Baum. Nicht eingerechnet sind dabei Kosten für einen eventuell notwendigen Flächenerwerb. Denn wird heutzutage eine Allee neu bepflanzt, müssen die Bäume vor allem aus Sicherheitsgründen viereinhalb Meter vom jeweiligen Straßenrand entfernt eingesetzt werden, wie Cornelia Mitschka, Sprecherin des Landesbetriebs Straßenwesen, betont.
Umstritten ist außerdem, aus welchem Topf das Geld für die Alleen künftig kommen soll. Und auch die Frage, ob eher ganze Alleen ersetzt oder besser Lücken im Altbestand gefüllt werden sollten, spaltet die Politiker im Landtag. Der FDP-Verkehrsexperte Gregor Beyer, ein Alleenfreund, wie er sagt, plädiert für mehr Mut dazu, überalterte Alleen komplett wegzunehmen und neu zu bepflanzen. "Auch wenn es 60 Jahre dauert, bis die Bäume richtig groß sind." Eine Verjüngung bestehender Alleen sei nicht sinnvoll. "Das sind dann keine Alleen mehr, weil der Kronenschluss fehlt."
Für die Finanzierung der Pflanzungen setzt Beyer auf Naturschutzgelder statt wie bislang praktiziert auf Mittel aus dem Verkehrshaushalt des Landes, denn der sei überstrapaziert. "Das Geld reicht bekanntlich nicht einmal dafür, die bestehenden Straßen zu unterhalten, geschweige denn, neue zu bauen." Stelle man die Bürger vor die Frage, ob sie gute Straßen oder Alleebäume wollen, würde die Antwort zu Gunsten der Verkehrswege ausfallen, ist Beyer überzeugt. Aber ihm sei klar, dass Alleenschutz ein sehr emotionales Thema sei. Er bekomme häufig Post von verärgerten Alleenfreunden, gesteht Beyer.
Auch Michael Jungclaus widerspricht ihm. "Das Geld muss aus dem Verkehrsministerium kommen", stellt er klar. Würde man auf den in seinen Augen unnötigen Neubau von Straßen verzichten, bliebe genug Geld für die Alleen. In der Frage, Allee-Verjüngung oder Komplett-Austausch plädiert er für einen Mittelweg. "Wenn einzelne Bäume ersetzt werden, stört das nicht den Gesamteindruck der Allee", findet Jungclaus. "Gesunde Bäume fällen, das geht nicht."
Jungclaus fordert außerdem, Alleen nicht nur als Kostenfaktor zu sehen. "Sie spielen für den Tourismus im Land eine entscheidende Rolle. Das muss in der überarbeiteten Konzeption berücksichtigt werden."