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Die neue Wahl-Freiheit bei den Tarifverträgen

Dieter Keller
Dieter Keller © Foto: Südwest Presse
Dieter Keller / 17.07.2017, 19:07 Uhr
Berlin (MOZ) Mehr Freizeit statt mehr Geld - dafür hat sich die Mehrheit der Mitarbeiter der Deutschen Bahn entschieden. Nach dem jüngsten Tarifvertrag hatten sie erstmals die Wahl, ob sie ab Anfang 2018 entweder 2,6 Prozent mehr Gehalt oder eine Stunde Arbeit weniger pro Woche oder sechs zusätzliche Tage Urlaub wollten. Das Ergebnis: 56 Prozent entschieden sich für den Zusatzurlaub, 41 Prozent fürs Geld und keine drei Prozent für eine kürzere Wochenarbeitszeit.

Zwar ist das Ergebnis ein Stück weit zu relativieren, weil sich fast ein Drittel der Mitarbeiter nicht äußerte. Sie bekommen zumeist automatisch mehr Geld. Trotzdem ist der Kulturwandel unübersehbar: Die Beschäftigten wollen Wahlmöglichkeiten. Mehr Urlaub hat einen hohen Stellenwert. Gehaltserhöhungen verlieren an Wert, wozu auch die hohen Abzüge für Steuer und Sozialversicherung beitragen dürften. Zudem ist eine kürzere Wochenarbeitszeit die mit Abstand unbeliebteste Variante.

Den Arbeitnehmern so viel Wahl zu geben, ist absolutes Neuland. Für die Bahn war es ziemlich mutig: Ihre Personalplanung wird noch komplizierter, und sie muss zusätzliche Mitarbeiter finden. Die Gewerkschaften haben ein Stück Hoheit über den Abschluss aus der Hand gegeben, die Wünsche des Einzelnen gewinnen an Gewicht.

Für andere Branchen stellt sich die Frage, ob dies ein Vorbild ist. Für den Einzelhandel, der in mühsamen Tarifverhandlungen steckt, gilt das weniger: Angesichts der eher bescheidenen Gehälter sind Verkäuferinnen auf mehr Geld angewiesen. Schon eher für die Metallindustrie, wo die Gewerkschaft laut über ihre Forderungen nachdenkt. "Die Beschäftigten wollen Arbeitszeiten, die zu ihrem Leben passen", sagt IG-Metall-Chef Jörg Hofmann. Er will durchsetzen, dass die Wochenarbeitszeit bis zu zwei Jahre lang auf bis zu 28 Stunden verkürzt werden kann, und das bei der Betreuung von Kindern oder Pflegebedürftigen mit Lohnausgleich. Von mehr Urlaub ist aber nicht die Rede.

Atemberaubend ist die Entwicklung unter dem Aspekt des Facharbeitermangels, den die Wirtschaft zunehmend beklagt. Woher nur sollen die zusätzlichen Mitarbeiter kommen, die deshalb nötig sind? Zudem wächst die Kluft zwischen Branchen, die sich großzügige Lösungen leisten können, und anderen mit bescheidener Bezahlung. Gut für den sozialen Frieden ist das nicht.

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