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Henning Kraudzun und Igor Stein 13.09.2017 19:21 Uhr

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Kaum Chancen auf Entschädigungen

Berlin (MOZ) Die meisten Kunden, die von Flugausfällen bei Air Berlin betroffen sind, werden vermutlich nie eine Entschädigung erhalten. Experten verweisen auf das Insolvenzrecht.

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Lange Schlangen: Nachdem Dutzende Air-Berlin-Flüge abgesagt wurden, mussten die Passagiere lange warten.

© dpa

Es ist ein kleines Lotteriespiel, welches die Käufer von Air-Berlin-Tickets derzeit eingehen. Denn auch in den kommenden Wochen drohen - ob durch Erkrankungen der Piloten oder Kapazitätsprobleme - weitere Ausfälle bei der insolventen Airline. Und die Chancen, jemals eine Entschädigung zu erhalten, sind auf ein Mindestmaß gesunken.

Es existieren zwei zentrale Probleme. Zum einen muss die Fluggesellschaft nicht haften, wenn außergewöhnliche Umstände vorliegen. Ob diese Bedingung erfüllt ist, wenn Mitarbeiter "wild" in den Streik treten, ist juristisch noch nicht abschließend durchdekliniert. Einige Amtsgerichte in Deutschland haben zwar Entschädigungen in diesen Fällen zugesprochen. Klarheit wird jedoch erst der Europäische Gerichtshof schaffen, der über die Folgen der Flugausfälle bei Tuifly im Herbst 2016 entscheiden muss. Damals hatten sich große Teile der Belegschaft krankgemeldet.

Darüber hinaus werden Ansprüche der Verbraucher auch durch das Insolvenzrecht blockiert. Air Berlin hat auf der Webseite nur für jene Flüge, die nach dem 15. August - jenem Tag, an dem die Zahlungsunfähigkeit angemeldet wurde - eine Entschädigung für Verspätungen und Ausfälle zugesagt. Wer vor diesem Stichtag von der Fluggesellschaft im Stich gelassen wurde und Ansprüche anmeldet, muss sich in die lange Schlange der Gläubiger einreihen - und erhält mit Glück nur zwei bis drei Prozent der ursprünglichen Forderung. Das ist die durchschnittliche Quote, die Gläubiger bei einer Insolvenz bekommen.

Das in Potsdam ansässige Fluggastrechteportal "Flightright.de" rät dennoch, in jedem Fall einen Anspruch geltend zu machen. Eine Entschädigung richte sich laut EU-Verordnung nicht nach dem Ticketpreis, sondern allein nach der Entfernung, betont die Expertin Luisa Kretschmann. Wenn der Flug mehr als drei Stunden verspätet war, können je nach Distanz 250, 400 oder 600 Euro eingefordert werden. "Der Kunde hat nichts zu verlieren", sagt sie.

Der Berliner Anwalt Sebastian Biere, der sich regelmäßig mit Entschädigungsforderungen von Fluggästen befasst, hat dazu eine andere Auffassung. Air Berlin könne aus insolvenzrechtlichen Gründen gar keine Zahlungen mehr an Passagiere leisten, weil dadurch andere Gläubiger benachteiligt würden. "Die könnten die Entschädigungszahlungen anfechten", betont Biere. Hinzu kommt: Wenn das Insolvenzverfahren eröffnet wird, ruhen sämtliche andere Verfahren.

Daher sollte man aus seiner Sicht genau das Risiko abwägen, mit Air Berlin beispielsweise in die Herbstferien zu starten. "Wenn der Flieger ersatzlos gestrichen wird, sieht man das für das Ticket gezahlte Geld höchstwahrscheinlich nie wieder", sagt der Anwalt. "Und damit die Familie doch noch zum Urlaubsziel kommt, muss man kurzfristig woanders buchen, was sehr teuer ist." Glück haben Kunden nur bei Buchung einer Pauschalreise - dann sind Reiseveranstalter in der Pflicht.

Insgesamt 334 Annullierungen und 47 Verspätungen hat das Verbraucherportal "EU-Claim" allein im August bei Air Berlin registriert - eine Verdopplung gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Auch im gesamten Jahr 2017 führt Air Berlin die Liste an: 4470 Flüge wurden demnach bislang gecancelt, bei Lufthansa waren es 3596, bei Eurowings 580.

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